In mehreren Artikeln (hier, hier, hier, hier) haben wir auf erhebliche Defizite unseres Stromversorgungssystems hingewiesen, die unter anderem durch die Energiewende hervorgerufen wurden. Noch immer steht die Energiewende vor gewaltigen Herausforderungen. Anstatt aus den Defiziten die fachlich notwendigen Schlüsse zu ziehen, dominieren noch immer Ideologie und Mikromanagement. Die Folge: Ineffiziente Ergebnisse, explodierende Kosten, das Netz droht zu kollabieren und der soziale Frieden gerät ins Wanken.
Der Blackout- und Krisenvorsorgeexperte Herbert Saurugg*) beleuchtet in geraffter Form die systemischen Versäumnisse und gibt Empfehlungen. Dieser Beitrag stammt aus dem EXPERTS Circle [1]– einem Netzwerk ausgewählter Fachleute mit fundiertem Wissen und langjähriger Erfahrung. Die Inhalte basieren auf individuellen Einschätzungen und orientieren sich am aktuellen Stand von Wissenschaft und Praxis.
Mangelndes Programmmanagement: Ursache der Ineffizienz
Ein systematisches Programmmanagement, wie es im Qualitätsmanagement üblich ist, könnte die Energiewende planvoll und effektiv gestalten. Dabei geht es nicht um starre Masterpläne oder zentrale Steuerung, sondern um flexible und anpassungsfähige Rahmenbedingungen.
Nur so können Einzelmaßnahmen sinnvoll ineinandergreifen und das Gesamtsystem im Blick behalten werden. Eine zu starke Fokussierung auf Details oder kurzfristige Optimierungen ohne Berücksichtigung des Gesamtsystems führen zu Fehlentwicklungen und einer Verschärfung bestehender Probleme.
Das Gefangenendilemma der Energiewende
Die Energiewende steckt in einem Gefangenendilemma. Wie in der Spieltheorie handeln die einzelnen Akteure rational, was aber durch falsch gesetzte Rahmenbedingungen häufig zu kollektiv suboptimalen Ergebnissen führt. Beispiel Photovoltaik: Während die Betreiber von fixen Einspeisetarifen profitieren, belasten Überkapazitäten das Netz und führen zu negativen Strompreisen und immer mehr Netzeingriffen, um das System stabil zu halten. „Kooperation statt Egoismus“ muss die Devise lauten.
Koordinierte Ansätze und klare politische Rahmenbedingungen sind notwendig, um diese Dilemmata zu überwinden. Nur durch Kooperation und langfristiges Denken können die Potenziale der Energiewende voll ausgeschöpft und vor allem Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit gewährleistet werden. Nur wenn diese drei Säulen des energiepolitischen Dreiecks ausgewogen betrachtet und behandelt werden, stehen sie auf einem stabilen Fundament. Gerade die beiden letztgenannten wurden in den letzten Jahren zunehmend vernachlässigt.
Falsche Anreize, fatale Folgen
Die Förderung von wetterabhängigen Erzeugungsanlagen wie Windkraft- und Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) führt immer häufiger zu einem zeitweiligen Überangebot. Unkoordiniert einspeisende PV-Anlagen führen im Sommerhalbjahr zu gefährlichen Mittagsspitzen und Abendrampen, bei denen andere Kraftwerke kurzfristig einspringen müssen, um das Netz stabil zu halten. Gleichzeitig sinkt die Wirtschaftlichkeit, denn ein Gut ist nur dann wertvoll, wenn es dann zur Verfügung steht, wenn es gebraucht wird. Die Folge sind steigende Förder- und Nebenkosten, die nicht nur den Staatshaushalt immer mehr belasten, sondern zunehmend auch die Kunden, die mit immer höheren Netzentgelten konfrontiert werden. Ein klarer Ausstiegspfad aus der Förderpolitik fehlt, was zu immer mehr kontraproduktiven und teuren Fehlentwicklungen führt.
Durch den massiven Preisverfall bei PV-Modulen droht ein weiterer unkontrollierter Zubau, der durch die Entbürokratisierung des Netzanschlusses noch verstärkt wird. Eine Entbürokratisierung ist zwar notwendig, bedarf aber entsprechender Spielregeln, die systemverträglich sind. Das Ganze ist noch nicht zu Ende gedacht und schlecht kommuniziert.
Speicher als Lösung oder doch Problemverstärker?
Ein Baustein für die Lösung sind (Batterie-)Speicher. Doch viele heutige Heimspeicher verschärfen das Problem: Sie laden zu falschen Zeiten und nehmen keine Rücksicht auf die Netzsituation. Nicht weil sie nicht anders könnten, sondern weil es keine Anreize und Vorgaben gibt, sich systemdienlich zu verhalten.
Auch der zu erwartende „Speichertsunami“ dürfte in seiner jetzigen Form viele Probleme eher verschärfen als lösen, auch wenn große Speichersysteme dringend und zwingend notwendig sind. Aber auch hier kommt es auf die Rahmenbedingungen an, damit nicht wieder einige wenige massiv profitieren und die Allgemeinheit auf den Nebenkosten sitzen bleibt.
Die Folge: „Wildwuchs im fragilen System“, der bereits im Frühjahr 2025 an sonnigen Sonn- und Feiertagen zu kritischen Netzsituationen bis hin zu großflächigen Abschaltungen führen kann. In jedem Fall werden teure Ersatzmaßnahmen notwendig, die wiederum die Allgemeinheit über die Netzentgelte bezahlen wird.
Dezentral vs. zentral: Der falsche Gegensatz?
Klein, dezentral, unabhängig – das klingt verlockend. Doch die Realität ist ernüchternd: Private PV-Anlagen orientieren sich an Förderquoten, nicht am Systembedarf. Großprojekte wie Freiflächen-Solarparks wären volkswirtschaftlich sinnvoller und kosten bei gleicher Erzeugungsleistung in Form von Kleinanlagen oft nur ein Drittel, scheitern aber an mangelnder Akzeptanz. Der Konflikt ist hausgemacht: „Wir bekommen, was wir fördern – nicht was effizient und wirksam ist“. Statt ideologischer Grabenkämpfe brauchen wir mehr Realismus und systemisches Denken und Handeln.
Strompreis: Ein trügerisches Steuerinstrument
Preissignale sollen Investitionen in Speicher lenken – der Preis allein ist aber kein geeignetes Steuerungsinstrument, um die komplexe und zugleich fragile Infrastruktur am Laufen zu halten. Die einheitliche deutsche Preiszone wird die Probleme weiter verschärfen und führt bereits heute zu gegenteiligen Effekten. Eine dynamische Anpassung an den Bedarf ist dringend erforderlich, aber in der notwendigen Radikalität und ohne Digitalisierung nicht zeitnah zu erwarten. Keine guten Aussichten.
Die Merit-Order, einst Garant für Effizienz, treibt heute die Kosten massiv in die Höhe: Das letzte benötigte Kraftwerk zur Bedarfsdeckung, meist teure Gaskraftwerke, setzt den Preis, auch wenn 99 Prozent des Stroms aus günstigen, wetterabhängigen Erzeugungsquellen stammen. Gleichzeitig mangelt es an Transparenz.
Für immer mehr Unternehmen werden die volatilen und steigenden Strompreise zum Sargnagel. Aber auch für viele Bürgerinnen und Bürger werden die steigenden Energiepreise direkt und indirekt zu einem immer stärker belastenden Kostenfaktor. Daran droht der soziale Frieden zu zerbrechen.
Die ganzen Unsicherheiten über die zukünftige Marktentwicklung führen zu Verzögerungen bei notwendigen Infrastrukturinvestitionen, was die Versorgungssicherheit gefährdet.
Unterkomplexes Denken und Handeln
Wie diese wenigen Beispiele zeigen, sind viele Zusammenhänge komplexer, als sie oft dargestellt werden. Mangelndes Grundverständnis über die Funktionsweise des Stromversorgungssystems und unzureichende sachliche Kommunikation führen zu Fehlentwicklungen. Solange wir uns damit abfinden, dass andere für unsere Bequemlichkeit bezahlen, werden wir nicht weiterkommen.
Die Herausforderungen der Energiewende erfordern daher zwingend ein vernetztes Denken und Handeln. Die Lösung des Mehrspieler-Gefangenendilemmas erfordert eine gezielte Veränderung der Anreizstrukturen, um kooperatives Verhalten zu fördern. Ein weiterer Schlüssel liegt im Aufbau von sozialem Druck und der Einbindung der Zivilgesellschaft in Entscheidungsprozesse.
Pragmatismus und Einfachheit
Ein pragmatischer Ansatz könnte darin bestehen, dass jeder, der am Strommarkt teilnehmen will, in der Lage sein muss, für eine bestimmte Anzahl von Stunden pro Jahr und im Rahmen eines bestimmten CO2-Budgets garantiert Strom zu liefern. Dies würde automatisch zu Kooperation führen, und viele Probleme würden sich ohne Mikromanagement und hohe Nebenkosten von selbst lösen.
Ein übergeordnetes, überparteiliches und transdisziplinäres Steuerungselement sollte durch ein kontinuierliches Controlling und einen Plan-Do-Check-Act-Prozess (PDCA) Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen und gegensteuern.
Zellularer Ansatz und robuste Strukturen
Darüber hinaus brauchen wir dringend zusätzliche dezentrale Funktionseinheiten mit einem sektorübergreifenden Energiemanagement („Energiezellensystem“), um die zunehmende Komplexität beherrschbar zu halten. Probleme müssen dort gelöst und kompensiert werden, wo sie entstehen: möglichst dezentral. Die Diskussion um die Energiewende darf nicht länger von Einzelthemen wie Photovoltaik oder Speicherung dominiert werden, während die zentralen Themen Energiemanagement und Energieeinsparung vernachlässigt werden.
Die Uhr tickt
Unser Stromversorgungssystem wird zunehmend an der Belastungsgrenze betrieben. Bisher war es sehr zuverlässig, aber komplexe Systeme können bei Überlastung von einem Moment auf den anderen kippen, was viele nicht wahrhaben wollen. Die Folgen wären katastrophal, deshalb sollten wir die Grenzen nicht ausreizen. Schon in den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob das System noch robust genug ist, um Fehler weiterhin ausgleichen zu können, oder ob es zu gravierenden Zwischenfällen kommt, auch wenn die Mahner oft in den Wind geschlagen werden.
Die neue Bundesregierung hat also große und wichtige Aufgaben vor sich, die keinen weiteren Aufschub dulden. Denn die Lösung liegt nicht in mehr Technik, sondern in einer klugen Orchestrierung. „Wer komplexe Probleme mit einfachen Antworten bekämpft, scheitert garantiert“. Die Energiewende ist eine Gemeinschaftsaufgabe – dafür müssen wir aber endlich aus dem Schwarz-Weiß-Denken ausbrechen.
[1] https://www.focus.de/experts/faq-zum-experts-circle_362f7625-22cb-4ff0-8522-9b021284062c.html
*) Herbert Saurugg, MSc, ist internationaler Blackout- und Krisenvorsorgeexperte sowie Präsident der Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV). Der ehemalige Berufsoffizier beschäftigt sich seit 2011 mit der zunehmenden Komplexität und Verletzlichkeit unserer Gesellschaft, insbesondere mit dem Szenario eines möglichen überregionalen Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfalls („Blackout“). Er ist Autor zahlreicher Fachpublikationen und betreibt einen umfangreichen Fachblog unter www.saurugg.net.