Kleine Reaktoren (SMR) auf dem Vormarsch. Kanzler hält Rückkehr der Kernenergie für irreversibel

Zwölf der 27 EU-Mitgliedsstaaten verfolgen einen Energiemix unter Einschluss der Kernkraft und gehen in Sachen SMR voran. Nicht so Deutschland. Der Bundeskanzler bekundete zwar, dass er rückblickend den Ausstieg aus der Kernenergie für einen Fehler hält, hält andererseits aber die Rückkehr zur Kernenergie für „irreversibel“ und argumentiert, es gäbe in Deutschland dazu keinen gesellschaftlichen Konsens. Dann muss die Regierung für diesen Konsens mit Entschlossenheit sorgen! Nur diese Haltung überzeugt.

Dazu goss der Fraktionschef der Unionsfraktion im Bundestag Öl in die nur noch glimmende Asche des Ausstiegs. Am Rande eines Forschungskongresses der Unionsfraktion sagte er vor Journalistinnen und Journalisten in Berlin [2], er könne sich vorstellen, deutsche Atomkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen. Man solle dies miteinander prüfen. Er verwies auf Studien, wonach die stillgelegten Reaktoren der vergangenen Jahre „mit um die neun, zehn Milliarden Euro wieder ans Netz gehen könnten“. Man müsse diese Debatte gesellschaftlich führen. In anderen Staaten würden 30 bis 50 Milliarden Euro investiert, um ein neues Kernkraftwerk zu bauen.

Mitte März hatte auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) eine Abkehr vom Kernenergieausstieg gefordert und angekündigt, den Bau moderner Mini-Atomkraftwerke im Freistaat(SMR) zu planen.

Mit der CO2-freien Stromerzeugung durch Kernenergie argumentieren die Staaten der Europäischen Allianz. Sie streben den Ausbau bestehender Kernkraftwerke an, den Bau neuer Projekte und die Einbindung der Kernkraft als strategisch wichtige Technologien zur Dekarbonisierung in EU-Gesetzen. Ihr gehören Frankreich, Polen, Niederlande, Finnland, Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Slowenien, Slowakei, Belgien, Italien, Schweden an.

Schweden zum Beispiel wollte ursprünglich die Kernenergie beenden, setzt seit 2009 auf einen Ausbau der Kernenergie. Übrigens mit Unterstützung der grünen Partei. Obwohl weiterhin in Windkraft investiert wird, gilt Kernenergie als essenzielle Säule für die stabile Energieversorgung in Schweden. Nach jüngsten Meldungen [1] erklärte die schwedische Regierung, sie plane, eine Mehrheitsbeteiligung am Nuklearprojektentwicklungsunternehmen Videberg Kraft AB zu übernehmen und eine Rolle bei der Finanzierung des zukünftigen Systems zur Entsorgung radioaktiver Abfälle und gebrauchtem Kernbrennstoff zu übernehmen.

Frankreich, mit 57 Kernkraftwerken und fast 70 % Stromanteil an der Bruttostromerzeugung, plant nach neuesten Meldungen die Produktion von Kernenergiestrom bis 2030 deutlich zu erhöhen. Im November 2025 informierte Frankreich die EU-Kommission über Pläne, sechs neue EPR2-Reaktoren an den Standorten Penly, Gravelines und Bugey zu errichten. Auch setzt es sich intensiv für die Förderung und Finanzierung von SMR’s ein. Außerdem strebt das Land die Laufzeitverlängerung seiner Reaktoren an.

Ebenso auch Großbritannien forciert den Einsatz von SMRs als zentralen Bestandteil seiner Kernkraftstrategie, um Netto-Null-Ziele zu erreichen. Der Standort Wylfa in Nordwales wurde für die ersten drei Rolls-Royce SMRs bestätigt, die eine Gesamtleistung von bis zu 1,5 GW erbringen sollen. Erste Minireaktoren könnten Anfang der 2030er Jahre in Betrieb gehen. Die Technologie soll neben Großkraftwerken (wie Hinkley Point C) für Stabilität im Netz sorgen.

Ein Novum für Europa meldeten die Niederlande. Acht Parteien haben ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, um den ersten kommerziellen Salzschmelzreaktor Europas in den Niederlanden zu errichten, möglicherweise an der Stelle des bestehenden Kernkraftwerks Borssele. Das MoU richtet sich auf den Bau eines Thorizon Pioneer nicht-nuklearen Demonstrators in der Provinz Zeeland im Westen des Landes. Es sichert einen Standort für den nuklearen Demonstrator am NRG Pallas-Standort in Noord-Holland und fördert zudem die Validierung eines Standorts für Thorizon One, den ersten kommerziellen Salzreaktor in Borssele, Zeeland [3].

„Mit dieser Koalition geht Thorizon von der Entwicklung in den Einsatz über, wobei der Demonstratorreaktor 2030 in Betrieb ist und bis 2034 den ersten kommerziellen Reaktor im europäischen Netz anstrebt“, hieß es in einer Erklärung.

Laut Thorizon ist der Thorizon One Flüssigsalzreaktor keine kleinere Version der bestehenden Kerntechnologie. Es handelt sich um einen grundlegend anderen Reaktor, der „physikalisch von Natur aus sicher“ ist und sowohl 100 MW kohlenstofffreien Strom als auch Hochtemperatur-Industriewärme bei 550 °C liefern kann.

Thorizon sagte, dass das Projekt für die Niederlande mehrere nationale Prioritäten gleichzeitig erfüllt. Sie stärkt die inländische Energiesicherheit, etabliert eine autonome nukleare Lieferkette und baut ein erstklassiges Ökosystem für nukleare Innovationen auf.

Überraschendes aus Dänemark, dem Land mit weltweit führender Nutzung von Windenergie mit rund 58 % des gesamten dänischen Stromverbrauchs in 2024. Das Land befindet sich in einer Phase der nuklearen Neubewertung, die sowohl die Energiepolitik als auch die Sicherheitsstrategie betrifft. Nach jahrzehntelanger Ablehnung gibt es konkrete Pläne zur Prüfung von Kernkrafttechnologien.

Das dänische Parlament hat Anfang 2025 mit einer Zweidrittelmehrheit beschlossen, neue Kernkrafttechnologien als Energiequelle zu untersuchen. Dies geschieht als Reaktion auf die Energiekrise und zur Absicherung der Energieversorgung. Im Rahmen dieser Untersuchung werden die Rahmenbedingungen für den Einsatz kleiner, modularer Reaktoren SMRs geprüft.

Auf Norwegen wiesen wir bereits hin: Norwegen hatte nie kommerzielle Kernkraftwerke. Bislang sah das Land keinen Bedarf für die nukleare Stromerzeugung. Es war gewissermaßen mit Wasserkraft gesegnet, die etwa 88 % der Stromerzeugungskapazität Norwegens ausmacht. Den Rest mit 11 % liefern Windparks.

Aufgrund der gestiegenen Akzeptanz in der Bevölkerung prüft die Regierung den Einstieg in die Kernenergie. Im Fokus stehen SMR‘s, insbesondere ein geplantes Projekt von Norsk Kjernekraft in Aure und Heim [4].

Vorteile der Stromproduktion durch Kernkraftwerke

Die Nutzung von Kernenergie zur Stromerzeugung wird heute vor allem durch technische und ökologische Faktoren begründet, die sie von fossilen Energieträgern unterscheiden:

  • Niedrige CO₂-Emissionen:Im laufenden Betrieb produzieren Kernkraftwerke nahezu keine Treibhausgase. Betrachtet man den gesamten Lebenszyklus (von der Uranmine bis zur Entsorgung), ist der CO₂-Fußabdruck vergleichbar mit dem von Windenergie.
  • Hohe Energiedichte:Kernbrennstoff besitzt eine enorme Energiekonzentration. Uran hat einen etwa 2,5 Millionen Mal höheren Energiegehalt als Kohle. Dadurch werden im Vergleich zu fossilen Kraftwerken nur geringe Mengen an Rohstoffen benötigt, was Transport- und Lagerkosten reduziert.
  • Grundlastfähigkeit und Versorgungssicherheit:Kernkraftwerke liefern kontinuierlich und wetterunabhängig Strom. Dies macht sie zu einer stabilen Säule für die Stromversorgung, insbesondere in Zeiten, in denen erneuerbare Quellen wie Sonne und Wind witterungsbedingt weniger produzieren (z. B. im Winter).
  • Geringer Flächenverbrauch:Im Vergleich zu großflächigen Wind- oder Solarparks benötigen Kernkraftwerke für die gleiche Menge an erzeugtem Strom nur eine sehr kleine Fläche, was die Landschaft schont.
  • Wirtschaftliche Vorteile bei Bestandsanlagen:Während Neubauten sehr teuer sind, gilt Strom aus bereits abgeschriebenen, bestehenden Anlagen als kostengünstig, da lediglich die Betriebskosten anfallen.

Aktuelle Umfragen

 Aktuelle Umfragen aus 2025 und Anfang 2026 zeigen, dass die Befürwortung der Kernenergie in Deutschland gestiegen ist und eine Mehrheit eine Rückkehr zur Kernkraft befürwortet:

Laut einer repräsentativen Umfrage von Innofact für Verivox vom 4. April 2025 befürworten 55 % der Deutschen den Wiedereinstieg in die Kernkraft. 36 % lehnen dies ab, 9 % sind unentschieden.

Eine Insa-Umfrage für die „Bild am Sonntag“ vom 18./19. April 2026 zeigt, dass 49 % der Befragten den Kernenergieausstieg als „eher schlecht“ bewerten, während 36 % ihn als „eher gut“ empfinden.

Eine Umfrage vom März 2026 ergab, dass 60 % der Deutschen die Entwicklung neuer, kleiner Kernkraftwerke (SMR) unterstützen.

Kernpunkte öffentlicher Debatten

 Die Debatten über Kernenergie waren und sind bislang in erheblichem Maße ideologisch geführt und gesteuert. Die Angst vor nuklearen Unfällen und vor radioaktiver Strahlung wurden genutzt, um in der Bevölkerung eine Aversion gegen Kernenergie zu erzeugen. Eine sachgerechte Aufklärung ist daher dringend geboten:

  • Die Notwendigkeit grundlastfähiger Kraftwerke ist hervorheben. Da aus Klimaschutzgründen der Einsatz sämtlicher fossiler Energieträger reduziert oder vollständig vermieden werden soll, bleibt nur die Kernenergie übrig.
  • Die Nutzung von Kernkraft könnte die noch bestehende Abhängigkeit von fossilen Energieträgern (demnächst hauptsächlich Gas) und den damit verbundenen hohen Importkosten, insbesondere in Krisenzeiten, verringern.
  • Die Debatte könnte sich durch den Einsatz fortschrittlicher, sichererer Reaktorbaureihen (z.B. AP1000) verschieben, die als effizienter gelten.
  • Obwohl die deutschen Kernkraftwerke insbesondere die drei sogenannten Konvoi-Kraftwerke ein sehr hohes Sicherheitsniveau aufwiesen, wurde das Sicherheitsniveau moderner Kernkraftwerke (Generation III und III+) im Vergleich zu älteren Anlagen nochmals gesteigert. Sie sind darauf ausgelegt, selbst bei schweren Unfällen – einschließlich einer Kernschmelze – die Auswirkungen auf die Anlage selbst zu beschränken und eine massive Freisetzung radioaktiver Stoffe zu verhindern.
  • Ein sachgerechter, umfassender Kostenvergleich der Stromgestehungskosten durch Windenergie- und Solaranlagen unter Einschluss der Kosten des Netzausbaues, der Förderkosten, der Kosten für Netzmanagement (Redispatch) und durch Kernenergie, bei der es beim bestehen Stromnetz keine Änderungen bedurfte.
  • Ein sachgerechter, umfassender Vergleich der Umweltbeeinträchtigungen durch Bau und Betrieb von Windenergie- und Solaranlagen und von Kernkraftwerken.
  • Die Bereitstellung (Planung, Bau, Betrieb) von Endlagern liegt laut Atomgesetz in der alleinigen Verantwortung und Pflicht der Bundesregierung. Dass bis heute kein konkretes Endlagerkonzept vorliegt, nicht mal ein Standort benannt wurde, ist ein krasses Versagen der Politik und zwar durch die Bank aller Parteien (vgl. hier, hier, hier, hier). Das Fehlen der Endlagerung diente als Argument gegen die Kernenergie.

Aussicht

Wenn die Energiepolitik unter dringender Einhaltung der Maßgaben preisgünstig, (versorgungs-)sicher und umweltschonend nicht grundlegend geändert wird, geschieht das, was Alexander Wendt in Tichys Einblick 05/26 mit „Selbst gewählter Niedergang“ betitelt: Das (noch) drittgrößte Industrieland der Welt schneidet sich selbst von der technischen Entwicklung ab. Der Abstand zu den führenden Techniknationen wächst rasant. Diese Politik nimmt diese Entwicklung gleichgültig hin.

 Quellen

[1] https://www.world-nuclear-news.org/articles/swedish-state-to-take-stake-in-nuclear-development-firm

[2] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/spahn-wiedereinstieg-atomkraft-100.html?xing_share=news

[3] NucNet Nuclear News Daily/ 17. April 2026

[4] https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-11/grossbritannien-atomkraft-smr-standort-wylfa