Beim Nuclear Energy Summit der IAEA am 10. März 2026 kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Europäische Strategie für SMR an. Vor dem Hintergrund der Feststellung, dass Europa strukturell zu hohe Energiepreise habe, die sowohl die Verbraucher als auch die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie belasteten, erklärte sie, dass es ein strategischer Fehler Europas war, den Anteil der Kernenergie abzusenken und so einer verlässlichen, wettbewerbsfähigen Quelle emissionsarmen Stroms den Rücken gekehrt zu haben.
Günstiger Strom und Energieunabhängigkeit für die Zukunft
Von der Leyen betonte, dass die Industrien der Zukunft auf kostengünstigem Strom basierten und führte als Beispiele KI und Robotik an, die in vielen Bereichen der Industrie Innovation und Produktivität vorantreiben würden, aber kostengünstigen Strom in großer Menge benötigten. Sie stellte die Abhängigkeit von in Europa nicht ausreichend verfügbaren fossilen Brennstoffen mit ihren volatilen Preisen den beiden heimischen, emissionsarmen Energiequellen, Kernenergie und erneuerbare Energien gegenüber. Diese könnten gemeinsam Unabhängigkeit, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit garantieren. Im Dokument „Future development and deployment of small modular reactors (SMRs) in Europe“ wird eine Bandbreite von 17 bis 53 Gigawatt installierter SMR-Leistung in der EU bis 2050 angegeben.
Neues Leitbild der Energiepolitik: das beste Gesamtsystem
Von der Leyen gibt als neue energiepolitische Zielvorstellung das bei Gesamtbetrachtung beste Energiesystem an, das sauber, kostengünstig, robust und möglichst europäisch sein solle. Ein solches System sei die Kombination von Kernenergie und erneuerbaren Energien ergänzt um Speicher, Flexibilität und Netzausbau. Darüber hinaus erklärt sie, dass Europa ein Pionier der Kerntechnik sei und wieder eine führende Rolle in der Welt einnehmen könne. Von der Leyen berichtete, dass die EU im vergangenen Jahr die Beihilferegeln geändert habe, um größere Unterstützung für Fissionstechnologie einschließlich der Brennstoffe zu ermöglichen. Außerdem sei die weltweit erste SMR-Industrieallianz begründet und in der nächsten mittelfristigen Haushaltsplanung fünf Milliarden Euro für die Fusionsforschung bereitgestellt worden.
Umschwung für die Kernenergie und drei konkrete Maßnahmen
Um nach Jahren zurückgehender Investitionen den Umschwung zu schaffen, so von der Leyen, werde heute eine neue Europäische SMR-Strategie vorgestellt. Damit solle erreicht werden, dass SMR-Technologie in den frühen dreißiger Jahren einsatzbereit sein soll, so dass sie gemeinsam mit traditionellen Großreaktoren eine Schlüsselrolle in einem flexiblen, sicheren und effizienten Energiesystem spielen könne.
Es würden drei Maßnahmenpakete vorgeschlagen: Eine vereinfachte Regulierung, um die Bedingungen für Tests innovativer Technologie zu verbessern. Darüber hinaus sollen die vereinfachten Regeln über Ländergrenzen hinaus abgestimmt werden. Das Grundprinzip solle dabei sein, dass wenn es sicher ist, Anlagen zu betreiben, es auch einfach sein solle dies zu tun, in der ganzen EU.
Weiter müsse Kapital mobilisiert werden. Dafür solle eine Garantie von 200 Millionen Euro bereitgestellt werden, um private Investitionen in innovative Kerntechnik zu unterstützen. Die Mittel dafür sollen dem Emissionshandelssystem entnommen werden. Es solle das Risiko für Investitionen in diese CO2-armen Technologien gesenkt und ein Signal an Investoren gesendet werden, sich zu beteiligen.
Schließlich solle die SMR-Strategie eine gemeinsame europäische Anstrengung werden. Das SMR-Geschäftsmodell sei auf Skalierung in der Produktion angewiesen, so dass eine grenzüberschreitende Kooperation unerlässlich sei. Darum, so von der Leyen weiter, wolle die Kommission mit den Mitgliedstaaten zusammenarbeiten, um die Regulierung anzugleichen, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und die erforderliche Kompetenz für den Kerntechniksektor zu entwickeln.
Stärkung der gesamten Kerntechnik in einem globalen Wettlauf
Von der Leyen erklärte, die gesamte Kerntechnik stärken zu wollen, nicht nur die SMR-Anwendung. Dies sei auch Ziel der „Clean Energy Investment Strategy“, um Energiekosten zu senken, die Entwicklung sauberer Technologien zu beschleunigen und mehr Finanzierungsoptionen zu schaffen. Im Rahmen dieser Strategie soll die Europäische Investitionsbank Gruppe in den kommenden drei Jahren zusammen 75 Milliarden Euro für saubere Technologien einschließlich SMR und AMR (Advanced Modular Reactors) bereitstellen. Von der Leyen schließt damit, dass Europa sich in einem Rennen um die Kerntechnik befinde und die Voraussetzungen habe, die globalen Investitionen in SMR anzuführen und Europa zu einem weltweiten Zentrum für die Kerntechnik der nächsten Generation zu machen.
Fazit
Dieses Fazit wie auch der vorangehende Text wurde der KTG-Fachinfo 01/2026 entnommen. Die Rede der Kommissionspräsidentin markiert einen großen Umschwung für die europäische Kernenergiepolitik und Energiepolitik. Neben die kerntechnische Sicherheit tritt nun wieder die Förderung der Kerntechnik als politisches Ziel, dem wegen des globalen Aufschwungs der Kernenergie und der Wettbewerbsfähigkeit Europas Dringlichkeit zukommt. Durch das engagierte Eintreten für Innovation und neuen Kerntechnologien wird der Kernenergie eine langfristige Rolle gemeinsam mit erneuerbaren Energien zugewiesen. Zugleich stellt die Betonung des optimierten Gesamtsystems und die Einbeziehung der Kernenergie in dieses eine implizite Absage an Konzepte einer vollständig auf erneuerbaren Energien beruhenden Stromversorgung dar. Damit ist keine Abkehr von Erneuerbaren verbunden, aber der Weg zu einer pragmatischeren und wettbewerbsfähigeren Energiewende eröffnet. Offen bleibt, welche Konsequenzen die deutsche Energiepolitik aus dieser Vorlage ziehen wird.