Angesichts dessen, was und wie gegenwärtig wieder zu Energiefragen und Energiekosten diskutiert wird, ist es wohl erneut notwendig, mehr Redlichkeit und Rationalität anzumahnen.
Der Vorstoß von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, Kosten und Risiken der Energiewende zu reduzieren und gleichzeitig deren Effizienz zu verbessern, sollte eigentlich zumindest im Grundsatz von allen unterstützt werden, denen etwas am Wirtschaftsstandort Deutschland liegt.
Erstaunlicherweise wird die Debatte aber wieder von – man muss wohl sagen – „bekannten Seilschaften“ aus Politik, Medien und Instituten dominiert, die die Analyse des Bundeswirtschaftsministeriums mit seltsamen/unredlichen Argumenten angreifen. Denen ist anscheinend die Pflege ihrer Illusionen trotz der inzwischen vorliegenden Erfahrungen immer noch wichtiger als Wirtschaftlichkeit. Dazu schrieb Ulrich Waas*) den folgenden Artikel, der am 15.4. im Magazin Cicero erschienen ist.
Seit über 20 Jahren wird immer wieder verkündet: Wenn genügend Wind- und Solaranlagen gebaut würden, sei die Energiewende ganz billig zu haben. Erinnert sei etwa an den früheren Umweltminister Jürgen Trittin, der 2004 meinte: „Es bleibt dabei, dass die Förderung erneuerbaren Energien einen durchschnittlichen Haushalt nur rund 1 Euro im Monat kostet – so viel wie eine Kugel Eis.“
Den Faktencheck kann heute jeder mit seiner Stromrechnung machen – zumindest teilweise, denn ein erheblicher Teil der Kosten für die Energiewende wurde ab 2022 im Bundeshaushalt „versteckt“. Der Aufschlag auf den Preis der kWh nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz („EEG-Umlage“) wird stattdessen nun aus Steuermitteln bezahlt (zuletzt knapp 20 Mrd. € im Jahr), um den Anstieg der Strompreise nicht so auffallen zu lassen. Dennoch ist der Preis der kWh für Haushalt seit 1998 auf mehr als das Neunfache gestiegen.
Natürlich wird der Strompreisanstieg nicht nur durch die propagierte Umstellung der Elektrizitätsversorgung auf Wind und Sonne (W+S) verursacht, aber doch zu einem erheblichen Teil.Trittin, Habeck und Co. hatten anscheinend nicht gesehen oder nicht einräumen wollen, dass für das Ziel „mit W+S Stromerzeugung 80 Prozent regenerativ bis 2030“ nicht nur Wind- und Photovoltaik-Anlagen in großem Umfang zu bauen waren, sondern auch das elektrische Netz von den Höchstspannungsleitungen bis zu den Kundenanschlüssen grundlegend umzubauen und um sogenannte netzbildende Wechselrichter zu ergänzen ist sowie Speicherkapazitäten und Ersatzstromquellen für „Dunkelflauten“ zu errichten sind.
Es ist hier nicht der Raum, auf alle erforderlichen Maßnahmen einzugehen und sie zu erläutern. Wichtig aber: Welcher Aufwand ist damit verbunden? Und wie steigt der Aufwand bis zum Ziel „Klimaneutralität 2045“, d.h. 100 Prozent regenerativ, weiter an?
Die ehrlichen Kosten der grün-roten Energiewende
Die Bundesnetzagentur geht bisher von erforderlichen Investitionen in die Stromübertragungs- und Verteilnetze von knapp 530 Milliarden Euro bis 2045 aus. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer hat zur Abschätzung der Gesamtkosten der Energiewende ein Gutachten in Auftrag gegeben, das für Ausbau und Betrieb der neuen Netzinfrastruktur etwa doppelt so hohe Kosten abschätzt, mehr als 1000 Milliarden Euro. Dazu kommen noch Kosten für Bau und Betrieb neuer Erzeugungskapazitäten (u.a. neue Gaskraftwerke) für wind- und sonnenarme Zeiten.
Diese Kosten, die zum Gesamtsystem der von Grün-Rot entworfenen Energiewende gehören, in der Öffentlichkeit immer noch zu „vergessen“ und zu erzählen, mit dem beschleunigten Ausbau von W+S würden die Energiekosten rasch sinken, ist unredlich. Die von ARD und ZDF in Fragen zur Energiewende gerne als Energieexpertin bezeichnete Claudia Kemfert erinnert da an einen Autoverkäufer, der mit unschlagbar niedrigen Preisen für sein Auto wirbt, tatsächlich aber nur ein Fahrgestell mit Motor liefert, die Karosserie mit der restlichen Technik solle man sich woanders besorgen.
Solarförderung vor dem Aus?-Reiches Kurs bringt Energiewende ins Wanken
Diese Art, für die Energiewende zu werben, war und ist nicht nur unredlich, sie hat auch zu Planungsfehlern geführt, die zusätzliche, eigentlich vermeidbare Kosten verursachen. So hat Frau Kemfert über Jahre die Hinweise auf benötigte Speichertechnologien und notwendigen Netzumbau immer wieder lächerlich gemacht und hat so dazu beigetragen, dass heute Speicherung bzw. Ersatzleistung sowie die Netze nicht zur Ausbauentwicklung von W+S passen.
Die Folge: In erheblichem Umfang müssen W+S-Anlagen bei günstigen Witterungsbedingungen abgeschaltet werden, weil die elektrische Energie nicht gespeichert oder dorthin transportiert werden kann, wo Bedarf besteht. Wir haben dann die absurde Situation, dass nach dem aktuellen EEG diese Betreiber von W+S-Anlagen für Strom bezahlt werden, den sie mit besser ausgebautem Gesamtsystem hätten liefern können, tatsächlich aber nicht liefern konnten, und gleichzeitig andere Stromerzeuger (Kohle, Gas) dafür bezahlt werden, den Strom dort zu erzeugen, wo gerade Bedarf besteht. Der Strom kostet also doppelt.
Ebenso wird die Situation bei der Netzstabilität kritischer, wie sich aufsehenerregend Ende April 2025 beim „Blackout“ auf der iberischen Halbinsel zeigte. Gerne wird zwar von manchen darauf verwiesen, dass Deutschland beim internationalen „System Average Interruption Duration Index“ (Saidi) mit 11,7 Minuten international einen der niedrigsten/besten Werte aufweist. Doch dies ist trügerisch, da im Saidi-Wert nur Versorgungsunterbrechungen für Verbraucher berücksichtigt werden, die länger als drei Minuten dauern.
Dabei ist klar, dass in der heutigen Welt mit vielen elektronischen Steuerungen bereits Spannungsausfälle im Bereich von Bruchteilen einer Sekunde zu erheblichen Störungen bei Verbrauchern geführt haben. Die Ironie für die deutsche Energiepolitik bei diesem Thema: Seit in Deutschland die letzten KKW abgeschaltet wurden, sind die französischen KKW zu einem wichtigen Faktor für die Stabilität der Übertragungsnetze in Deutschland geworden – welch schöner Erfolg für Trittin und Co.
Optimierung der Energiewende möglich?
Angesichts der beschriebenen zwei sowie noch weiterer Probleme für den politisch geforderten Umbau der Elektrizitätsversorgung war zu hoffen, dass das Bundeswirtschaftsministerium nach Optimierungen sucht, um Kosten und Risiken der Energiewende zu reduzieren und gleichzeitig ihre Effizienz verbessert (hinsichtlich Verringerung der CO2-Emissionen). Im September 2025 hat das Wirtschaftsministerium auf Basis eines Monitoringberichts eine kompakte Analyse „Klimaneutral werden – wettbewerbsfähig bleiben“ vorgelegt und zehn Schlüsselmaßnahmen vorgeschlagen.
Insbesondere zwei dieser Schlüsselmaßnahmen sehen etliche Änderungen im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vor: (1) Erneuerbare Energie markt- und systemdienlich zu fördern und (2) Netze, erneuerbare Energie und dezentrale Flexibilität synchron ausbauen. Das Ziel, wie es ein Zeitungskommentar formuliert: „Die Erneuerbaren werden nur noch gefördert, wenn sie dem Stromsystem wirklich nutzen.“
Angesichts der Situation, dass vom normalen Bürger über Handwerksbetriebe bis zu Großkonzernen viele die gestiegenen Energiekosten als ein für sie wesentliches Problem sehen, erscheinen die genannten Schlüsselmaßnahmen durchaus vernünftig. Ein Schritt in die richtige Richtung, um die Kostenbelastung für die Verbraucher zu verringern. Entsprechend werden die Vorschläge von Ministerin Reiche zum Koppeln des Ökostrom-Ausbaus an die Ausweitung der Netze von Energieversorgungsunternehmen unterstützt, die für die Sicherheit der Versorgung verantwortlich sind.
Massiver Widerspruch der Energiewendejünger
Von den Anhängern der bisherigen Energiepolitik, die Wirtschaftlichkeit oft als nachrangig behandelt hat, kommt allerdings massiver Widerspruch. So lehnt es beispielsweise Bundesumweltminister Carsten Schneider ab, für Windanlagen, die an Standorten mit Netzengpass errichtet werden, die Vergütung für nicht produzierten Strom zu streichen. Warum aber soll es gefördert werden, Windanlagen an solchen Standorten zu errichten, wo die Kosten höher sind, der Nutzen für die Stromversorgung aber geringer ist?
Spiegel-Redakteure werfen Frau Reiche vor, die erneuerbaren Energien ausbremsen zu wollen, wofür sie auf seltsame Argumentationen zurückgreifen: Sie kritisieren eine Verringerung der staatlichen Förderung von Solar-Anlagen auf privaten Hausdächern, weil das den Verkaufsboom beenden könnte. Gleichzeitig behaupten sie bei jeder Gelegenheit wie Frau Kemfert (s.u.), dass diese Technologie die günstigste Form der Stromerzeugung sei. Wieso muss das, was am günstigsten ist, besonders subventioniert werden? Wer versteht diese Logik?
Sie kritisieren eine Fokussierung auf den Bau von Gaskraftwerken, wobei sie übersehen/vergessen, dass bereits unter Habeck die Planungen den Bau von Gaskraftwerken in ähnlichem Umfang vorgesehen hatten, um das Problem der „Dunkelflauten“ zu bewältigen. Sind Gaskraftwerke gut, wenn sie von einem Grünen-Minister geplant werden, aber schlecht, wenn der Minister aus einer anderen Partei stammt?
Überhaupt seien „rasant wachsende Batteriespeicher viel besser [für] ein intelligentes, digitalisiertes Stromnetz“ als Gaskraftwerke. Die an das Netz angeschlossene Großspeicherkapazität sei seit Anfang 2024 von 1,51 auf 2,91 Gigawattstunden (GWh) gestiegen. Zum Vergleich wird angegeben: „Die benötigte Spitzenlast im deutschen Stromnetz liegt derzeit bei etwa 75 Gigawatt.“ Mit den Zahlenwerten 2,91/75 soll wohl der Eindruck erweckt werden, dass es nicht mehr weit bis zu ausreichender Speicherkapazität ist.
Weder absehbar noch bezahlbar
Anscheinend wird hier der Unterschied zwischen (gespeicherter) Energie (GWh) und (ständig erzeugter) Leistung (GW) nicht verstanden. Zur Veranschaulichung: Soll in einer Dunkelflaute von sieben Tagen Dauer (also 168 Stunden, hat es schon öfter gegeben) nur ein Teil des Netzes mit einer Leistung von 30 GW versorgt werden, würde dafür eine Speicherkapazität von über 5000 GWh benötigt. Großspeicher-Batterien in dieser Größenordnung sind gegenwärtig weder absehbar noch bezahlbar.
Wie einer rationalen Diskussion über eine Optimierung der Energiewende ausgewichen wird, veranschaulicht einmal mehr Frau Kemfert. Im März dieses Jahres brachte sie in ihrem Essay „Der Todeskampf der fossilen Wirtschaft“ wieder die Botschaft, alles ginge mit Wind und Sonne problemlos, wenn nur die rückwärtsgewandten „Fossilokraten“ nicht wären: „Solarstrom ist heute die effizienteste Energiequelle, die die Menschheit je hatte. Günstig. Schlicht und ökologisch. China baut in einem einzigen Jahr mehr erneuerbare Kapazität auf als die Europäische Union in einem Jahrzehnt.“
Mit dem Verweis auf China will sie zeigen, dass es allein mit erneuerbaren Energiequellen ginge, insbesondere Kern- und Kohlekraftwerke brauche man gar nicht. Was Frau Kemfert aber verschweigt: China baut nicht nur viele W+S- Anlagen, sondern auch sehr viel mehr Kohlekraftwerke und Kernkraftwerke als die EU. Anscheinend haben die Chinesen auch erkannt, dass es nur mit W+S nicht so einfach geht. Aber das wollte die „Energieexpertin“ Kemfert wohl verschweigen. Wie redlich ist das?
Bitte redlicher argumentieren
Man fragt sich, warum auf diese Weise argumentiert wird, die so offensichtlich neben der Sache liegt. Werden da immer noch die „Schützengräben“ der Energiediskussion der letzten Jahrzehnte gepflegt aus Sorge, dass in einer offeneren Diskussion über einen Energiemix mit einem Beitrag der Kernenergie diskutiert werden könnte? In der Optimierung der Energiewende lässt sich aber die ehrliche Analyse der Stärken und Schwächen von W+S nicht durch das Schimpfen über die Kernenergie ersetzen, zumal mit oft unredlichen Behauptungen.
Wenn man so manche Kritik an der jetzigen Analyse zur Optimierung der Energiewende des Wirtschaftsministeriums sieht, möchte man den heutigen Patrick Graichen zitieren, den ehemaligen Staatssekretär Habecks für die Energiewende, der in einem aktuellen Interview meinte: „Da sollten wir dann auch pragmatisch sein und den alten Kampf Erneuerbare gegen Atomkraft beerdigen: Hauptsache, gemeinsam decken sie schnell über 80 Prozent des europäischen Strombedarfs.“
Es ist allerdings schade, dass Graichen diese Einsicht nicht schon vor vier Jahren hatte, als nach Putins Überfall auf die Ukraine das billige Erdgas aus Russland wegfiel. Das hätte in Deutschland etliche Probleme verringert, insbesondere wären schon bis heute rund 200 Millionen Tonnen CO2-Emissionen und einige Milliarden Euro eingespart worden. Nun wird es damit schwierig. Doch richtige Einsichten kommen besser spät als nie: Kemfert und Co. könnten durch eine Rückkehr zu einer redlicheren Diskussion dazu beitragen, dass die Energiewende optimiert und nicht weiter durch unnötige Kosten erschwert wird.
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*) Ulrich Waas ist Physiker und arbeitete bis zu seiner Pensionierung bei einem Hersteller für Kraftwerke. 2005 wurde er in einen Ausschuss der Reaktor-Sicherheitskommission des Bundesumweltministeriums berufen.