
Wenn man vor dem Abgrund steht, ist jeder Schritt zurück ein Fortschritt.
„Wow, ein unglaublicher Artikel“, mit diesen Worten kommentierte Simon Wakter der politische Berater des schwedischen Energieministers auf X den folgenden in der FAZ [1] erschienenen Gastbeitrag der Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche. Ihr Artikel, so war zu lesen, sei wie eine Bombe bei Europas Energiekommentatoren eingeschlagen.
Deutschland deckt erst ein Fünftel seines Energieverbrauchs mit Erneuerbaren. Die Industrie leidet unter gestiegenen Preisen. Jetzt ist Zeit für ernsthafte Energiepolitik, schreibt die Bundeswirtschaftsministerin – und erläutert ihre Strategie.
„Wir erleben eine der schwersten Energiekrisen der Geschichte. Seit Beginn des Irankriegs und der Schließung der Straße von Hormus sind die Preise für Öl, Flüssiggas und Diesel in empfindliche Höhen geschnellt. Das belastet Verbraucher wie Unternehmen und kostet uns Wirtschaftswachstum, das Deutschland so dringend braucht.
Viele fordern deshalb den sofortigen Ausstieg aus Öl und Gas. Man müsse nur Wind- und Solarenergie schneller ausbauen – und die Sache wäre gelöst.
Nun, so einfach ist das nicht.
Zur Faktenlage: Deutschland hat einen Gesamtenergiebedarf von 2.900 Terawattstunden für Strom, Wärme, Mobilität und Industrieprozesse. Ein knappes Sechstel entfällt auf Strom, mehr als die Hälfte davon kommt aus erneuerbaren Energien. Der Anteil Erneuerbarer am Gesamtenergieverbrauch lag 2025 aber gerade einmal bei knapp einem Fünftel.
Jahrelang haben wir uns mit ehrgeizigen Zielen beruhigt. 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren bis zum Jahr 2030, Klimaneutralität bis 2045 – schöne Zahlen, die unser schlechtes Gewissen besänftigen. Aber während wir uns an diese Ziele klammerten, explodierten die Strompreise. Deutsche Haushalte zahlen bis zu 37 Cent pro Kilowattstunde – gut neun Cent über dem EU-Durchschnitt. Unsere Industrie blutet aus. Die Deindustrialisierung beschleunigt sich.
Entschädigung, wenn ihr Produkt nicht mehr gebraucht wird
Ja, Wind und Sonne schicken keine Rechnung. Das Gesamtsystem aber sehr wohl: EEG-Kosten, Kapazitätsreserve, Netzreserve, Redispatch-Kosten, Netzsubventionen, Subventionen für die Senkung der Energiepreise – all das summiert sich auf Systemkosten von über 36 Milliarden Euro pro Jahr. Das sind 430 Euro für jeden Deutschen.
Fast drei Milliarden Euro zahlen wir allein dafür, dass Windräder und Solaranlagen abgeregelt werden, weil die Netze den Strom nicht aufnehmen können. Es gibt keine andere Industrie, die eine über 20 Jahre garantierte Finanzierung erhält und sogar dann Entschädigung kassiert, wenn ihr Produkt nicht gebraucht wird.
Das kann so nicht weitergehen. Die Branche der Erneuerbaren ist erwachsen geworden und muss jetzt Verantwortung übernehmen – systemisch und finanziell. Bis 2035 steigen die Systemkosten auf 90 Milliarden Euro pro Jahr. Das Problem ist strukturell: Wir haben 20 Gigawatt gesicherte, CO₂-arme Kernkraft abgeschaltet. Dazu kommen massive, politisch getriebene Netzinvestitionen und ein Marktdesign, das die Realität ignoriert.
Eine Tatsache wurde zu lange verschwiegen: Eine Energiewende, die Systemkosten ignoriert, wird das Land ruinieren, das sie zu retten vorgibt.
Das 80-Prozent-Ausbauziel für Erneuerbare bleibt
Deutschlands natürliche Gegebenheiten setzen Grenzen: begrenzte Gasvorkommen, die nicht einmal in der Krise genutzt werden sollen, begrenzte Wasserkraft, viel weniger Sonne als Südeuropa, große Entfernungen zwischen Erzeugung und Verbrauch. Die neue industrielle Revolution – KI, Rechenzentren, elektrifizierte Industrie – braucht aber große Mengen preiswerten Stroms. Wenn wir den nicht liefern, verlieren wir Investitionen, Innovation und Souveränität.
Deshalb arbeiten wir an einem Netzanschlusspaket, das die Verantwortung neu verteilt. Wer in überlasteten Netzgebieten eine Anlage anschließen will, muss sich an den Kosten beteiligen oder das Risiko tragen, dass der Strom nicht immer eingespeist werden kann. Strom, der wegen Netzüberlastung abgeregelt werden muss, darf nicht mehr von der Allgemeinheit bezahlt werden. Das ist keine Blockade. Das ist faire Lastenverteilung.
Die Netzbetreiber müssen heute quasi auf Zuruf überall Leitungen verlegen, wo erneuerbare Energien angeschlossen werden wollen. Während aber Solarparks in zwei bis drei Jahren entstehen, dauert der Netzausbau bis zu zehn Jahre. Wir müssen den Ausbau regional steuern, sonst produzieren wir teuren Strom, den niemand nutzen kann.
Das 80-Prozent-Ausbauziel für Erneuerbare bleibt. Auch der Anschlussvorrang für Erneuerbare bleibt. Aber der Ausbau muss ökonomisch effizient erfolgen. Wir brauchen keine Überkapazitäten, die subventioniert ins Ausland exportiert werden, während im Inland die Preise steigen.
Gesicherte Kraftwerkskapazitäten und Speicher
Um es an dieser Stelle klar zu sagen: Ich stehe hinter der Energiewende. Die Erneuerbaren werden das Rückgrat unserer Stromversorgung sein. Sie sind es schon heute zum großen Teil. Aber ich bin auch Realistin. Klimaschutz ohne Bezahlbarkeit ist politisch nicht tragfähig. Und Klimaschutz ohne Versorgungssicherheit ist strategisch blind.
Wir dekarbonisieren – aber nicht durch Deindustrialisierung. Wir modernisieren – aber nicht durch Überlastung von Haushalten und Unternehmen.
Wir brauchen gesicherte Kraftwerkskapazitäten, Speicher und ein Marktdesign, das Zuverlässigkeit ebenso belohnt wie Ambition. Wir brauchen einen technologieoffenen Kapazitätsmarkt und mehr direkte Abnahmeverträge zwischen Erzeugern und Abnehmern.
Auch wenn wir es gern anders hätten: Wir brauchen weiterhin Gas. Für Prozess- und Raumwärme sowie als Rohstoff. Und für jenen Teil der Stromversorgung, der nicht aus Erneuerbaren gedeckt werden kann. Deshalb schließen wir langfristige Lieferverträge mit den USA, Kanada, Angola und Mexiko ab. Europa ist verwundbar, weil wir Flüssiggas zu sehr über den Spotmarkt beziehen. Das ändern wir.
Zudem setzen wir auf Innovationen: auf Durchbrüche bei Energiespeichern, Materialwissenschaften und Energieeffizienz. Künstliche Intelligenz wird unser Energiesystem effizienter steuern. Wir erlauben erstmals CO₂-Abscheidung und -Nutzung. Wir fördern Fusionskraftwerke. Deutsche Start-ups konkurrieren international darum, das erste Fusionskraftwerk der Welt zu bauen. Und selbst die traditionelle Kerntechnik erlebt bemerkenswerte Durchbrüche. Neue Reaktoren sind kleiner, modular und sicherer. 16 EU-Mitgliedstaaten investieren hier bereits gemeinsam.
Deutschland steht nicht vor der Wahl zwischen Energiewende und industrieller Stärke. Aber es muss sich zwischen ernsthafter Politik und Selbsttäuschung entscheiden.
Meine Aufgabe ist es, die Energiekosten zu senken. Das geht nicht, wenn ich dauerhaft eine Gruppe zulasten anderer bevorzuge.
In zehn Jahren werden wir zurückblicken. Entweder auf ein Land, das seine Industrie verloren hat – oder auf ein Land, das Klimaschutz und Wohlstand vereint. Die Entscheidung fällt jetzt.“
Dazu ein Auszug aus einem bemerkenswerter Kommentar von Tilak Doshi [2], einem Industrieexperten:
Das ist kein Randgemurmel; es ist die explizite Ablehnung der Energiewende, die Reiche selbst nun zusteuert. Das Muster wiederholt sich in ganz Europa. In Frankreich führt Marine Le Pens National Rally die Präsidentschaftsumfragen an, indem sie den grünen Übergang als „ultraökologischen Fanatismus“ darstellt, der Landwirte und Autofahrer bestraft und die Davos-Gemeinschaft bereichert. Das britische Reform UK unter Nigel Farage verspottet Net Zero als „Net dumme Null“ und setzt auf Versprechen, die inländischen Ressourcen zu erschöpfen. Italiens Giorgia Meloni, obwohl zurückhaltender im Amt, hat wenig Geduld für Brüssels Ökomandate und hat die Energiesicherheit stillschweigend über Emissionsziele gestellt. Sogar ein Teil der britischen Konservativen, einst von denselben Wahnvorstellungen gefangen, beginnt, auf Zeitpläne zurückzugehen, die Haushalte in den Bankrott zu treiben drohten.
Die Abrechnung der Geschichte
Doch es gibt einen größeren historischen Handlungsbogen. Die Übernahme der deutschen Grünen in der Energiepolitik drehte sich nie wirklich um das Klima; es ging um Macht – kulturell, politisch und wirtschaftlich. Sie stellte den endgültigen Sieg einer Weltanschauung nach 1968 dar, die industrielle Zivilisation mit Erbsünde gleichsetzte. BRICS-Staaten und der Globale Süden haben nicht die Absicht, die Entwicklung auf dem Altar der westlichen Schuld zu opfern. China baut Kohlekraftwerke und Kernreaktoren mit gleicher Begeisterung; Indien weigert sich, sich für den Einsatz seiner eigenen Kohle zu entschuldigen.
Nur in Europa überzeugten sich die Entscheidungsträger davon, dass Tugendsignalisierung Watt ersetzen könne. Reiches Erkenntnis, wenn auch teilweise, ist daher willkommen. Ebenso sind Merz‘ und von der Leyens verspätete Anerkennungen der Fall. Rhetorische Korrekturen werden jedoch nicht ausreichen. Deutschland muss sich den vollen Kosten seines ideologischen Umwegs stellen: dem Verlust der nuklearen Kapazitäten, den gestrandeten Vermögenswerten, der industriellen Aushöhlung und der politischen Polarisierung, die der AfD seit ihrer Gründung die stärkste Hand verpasst hat.
Die Frage ist, ob das Establishment den Mut besitzt, dort zu folgen, wohin grundlegende Ökonomie und gesunder Menschenverstand führen – hin zu einem pragmatischen Energiemix, der, wo möglich, nukleare Wiederbelebung, wo möglich, heimische fossile Ressourcen und ein Ende der ruinösen Subventionen umfasst, die Anbieter erneuerbarer Energien bereichert und die Bürger verarmt haben.
Fünfzehn Jahre nach Merkels Nuklearpanik und Jahrzehnte nachdem die Grünen erstmals in die Machtkorridore eingedrungen sind, setzt sich die Realität mit der kalten Logik von Physik und Märkten wieder durch. Der fieberhafte Traum einer wetterabhängigen Utopie zerfällt unter dem Druck von Stromausfällen, Preisspitzen und Wähleraufständen.
Was als Nächstes kommt, wird hoffentlich eine Rückkehr zu etwas Ehrlicherem sein: einer Energiepolitik, die auf Ingenieurwesen und nicht auf Eschatologie basiert. Für ein Land, das einst stolz auf Sachlichkeit – Nüchternheit und Realismus – war, kann das Erwachen nicht schnell genug kommen. Die Alternative ist nicht die Rettung des Klimas, sondern der nationale Niedergang. Deutschland und Europa mit ihm stehen an der Schwelle. Die einzige verbleibende Frage ist, ob seine Anführer es durchschreiten werden, bevor das Licht endgültig ausgeht.