Überforderte Netze und negative Strompreise

Ein Zuviel ist schädlich. Dieses im Alltäglichen bekannte Prinzip – wissenschaftlich als Dosis-Wirkungs-Kurve bekannt – gilt gegenwärtig auch für die Solarstromerzeugung.  Was einst eine Nischentechnologie war, ist in den Sommermonaten zur größten Stromquelle Europas geworden. Der massive Ausbau in den letzten fünf Jahren stößt jedoch auf ein Problem: Ein Haupttreiber für diesen Überschuss ist die massive Ausweitung der Solarenergie. In Zeiten hoher Sonnenstrahlung (sonnige Tage) und geringer Nachfrage an Wochenenden oder Feiertagen wird das Netz mit Solarstrom überflutet, und es wird immer schwieriger, das Stromnetz auszubalancieren. Im Gegensatz zu herkömmlichen Kraftwerken, die leichter gedrosselt werden können, erfordert die schwankende Natur von Solar- und Windenergie komplexe Eingriffe, um Überlastungen im Netz zu verhindern. Der Netzausbau und die Stromspeicherung in Form von Batteriespeicher hat nicht Schritt gehalten. Direkte Folge: Eine Rekordmenge an Strom wird verschwendet, weil die Netze den Produktionsanstieg nicht bewältigen können und das Wachstum der installierten Leistung verlangsamt sich [1]. Solarstromproduzenten sind zunehmend gezwungen, Anlagen an sonnigen Tagen stundenweise abzuschalten.

Für die ohnehin belasteten Verbraucher in Europa kann das bedeuten, dass sie doppelt zahlen: zunächst für die Subventionen, die den Solarboom ermöglicht haben, und dann erneut, wenn Produzenten dafür entschädigt werden, Anlagen abzuschalten, weil das Angebot das Netz überlastet. Das Überangebot drückt die Strompreise in diesen Spitzenzeiten zudem tief in den negativen Bereich. Projekte, die noch vor wenigen Jahren als sichere Investitionen galten, werden nun neu bewertet.

Mit rund 490 GW stellt die Solartechnologie die größte installierte Leistung in der EU und übertrifft Wind, Gas, Kernenergie und Kohle. Allein in diesem Jahr werden der Zubau von 8o GW erwartet, was etwa sechs installierte Module pro Sekunde entspricht [1].

Der Markt spricht vom Kannibalisierungseffekt der Solarenergie, der auftritt, wenn große Mengen an Solarstrom zu einem Preisverfall führen und dadurch die Einnahmen und den Wert von Projekten mindern. Je mehr Kapazität hinzugefügt wird, desto größer ist dieser Effekt.

Große Mengen an Solar- und Windstrom und deren unkalkulierbare Schwankungen erschweren sowohl die Regelung der Stromfrequenz als auch der Spannung im Netz. Traditionell trugen große, rotierende Turbinen zur Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts bei, doch Solaranlagen funktionieren typischerweise anders, wodurch das System empfindlicher auf plötzliche Schwankungen von Angebot und Nachfrage reagiert und eine aktivere Steuerung erfordert.

Spannungsschwankungen gehören zu den Hauptursachen für den schwersten Stromausfall in Europa seit Jahrzehnten in Spanien und Portugal im vergangenen Jahr. Dieser ereignete sich zu einem Zeitpunkt mit hohem Solarstromanteil im System.

Negative Strompreise sind in diesem Frühjahr besonders ausgeprägt. In Deutschland und Frankreich fielen die Stundenpreise auf rund minus 500 Euro pro Megawattstunde. Die tiefsten Werte treten typischerweise auf, wenn hohe Einspeisung aus erneuerbaren Energien mit unterdurchschnittlicher Nachfrage zusammenfällt — wie in diesem Jahr zu Ostern und am 1. Mai, einem Feiertag in vielen europäischen Ländern.

Extremer negativer Strompreis am 1. Mai 2026. Der Day-Ahead-Markt ist der zentrale Vortagsmarkt für Strom, der Intraday-Markt regelt den kurzfristigen Handel am selben Tag. Beide Marktsegmente sind europäisch gekoppelt, um den Strom effizient über Grenzen hinweg zu handeln und das Netz stabil zu halten

 Werden Anlagen auf Anordnung von Netzbetreibern abgeschaltet, erhalten Unternehmen in der Regel eine Entschädigung. In Deutschland, dem größten Solarmarkt Europas, tragen letztlich die Verbraucher diese Kosten, auch wenn sie derzeit vom Bundeshaushalt übernommen werden, um die Belastung zu verringern.

Spanien führt europaweiten Anstieg der negativen Strompreise an: Anzahl der Stunden mit negativen Preisen auf den Day-Ahead-Strommärkten.

In wichtigen Märkten verschärft sich das Problem. In Spanien wurden im ersten Quartal etwa 16% der Solarstromerzeugung abgeregelt, etwa doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. In Deutschland stieg der Anteil laut Schätzungen der London Stock Exchange Group von 7% auf rund 13% [1].

Für Versorger und Regierungen bestand die größte Herausforderung lange darin, ausreichend Kapazitäten aufzubauen. Nun muss sich die Branche dringend auf vernachlässigte Bereiche konzentrieren, etwa stärkere Netze und Batteriespeicher. Die Europäische Kommission schätzt, dass bis 2040 rund 1,2 Billionen Euro in Netze investiert werden müssen. Die Speicherkapazität in Europa dürfte sich laut [1] bis 2030 vervierfachen.

Batterie-Großspeicher werden gegenwärtig für die Netzstabilität der Energiewende als unerlässlich angesehen. Sie sind infolge ihres Rohstoffbedarfs extrem teuer, was sich auf den Strompreis auswirkt. Aufgrund der großen Energiemengen, die auf engstem Raum gespeichert werden, sind zudem spezifische Risiken zu beachten. Mechanische Beschädigungen, Kurzschlüsse in den Batteriezellen, Produktionsfehler oder ein Ausfall des Batteriemanagementsystems (BMS) können zur Überhitzung führen. Etwaige Brände bei Lithium-Ionen-Speichern verlaufen extrem heiß und sind sehr schwer zu löschen. Die Batterien brennen oft über Stunden oder Tage ab.

Quelle

[1] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-05-15/solarboom-in-europa-netze-uberlastet-strompreise-fallen-ins-negative?xing_share=news