Die Bundesregierung hat am 3. September 2026 einen Gesetzentwurf zur Novellierung des Windenergie-auf-See-Gesetzes beschlossen [1], um den Ausbau der Windkraft auf See kostengünstiger, effizienter und rechtssicherer zu gestalten. Die Ausbauziele sind:
- Bis 2030: Mindestens 30 GW installierte Leistung (vorher 20 GW)
- Bis 2035: Mindestens 40 GW Leistung
- Bis 2045: Mindestens 70 GW Leistung.
Lassen sich die Vorgaben der Bundesregierung erfüllen?
Guido S. Vallana und Thomas Linnemann berichten in ihrer dritten VGB-Studie über Status quo, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der „Offshore-Windenergienutzung in Deutschland“ [2].
Für den schnellen Überblick über ihre Studie definierten sie diese Kernbotschaften:
- Hohe Nennleistung ohne gesicherte Leistung für Windenergie
73 GW installierte Nennleistung und 138 TWh Windstromproduktion in Deutschland im Jahr 2024 verdeutlichen die maßgebende Rolle der Windenergie für die Energiewende. Zugleich belegen durchweg sehr niedrige Jahresminimalleistungen, dass die Windenergie im heutigen System keine gesicherte Leistung bereitstellt.
- Phasen niedriger Einspeisung treten immer wieder auf
Im Jahr 2024 lag die Summenleistung der inländischen Windturbinenflotte in 293 Viertelstunden unterhalb von 1 % der Nennleistung und aufsummiert 44 Tage unterhalb der 5 %-Marke. Langjährige Betriebsdaten lassen nicht erkennen, dass Windenergie allein in der Lage wäre, durch räumliche Verteilung konventionelle Kraftwerksleistung vollwertig zu ersetzen („Irgendwo weht immer Wind“).
- Umfangreicher Bedarf an Backup-Leistung
Aufgrund der volatilen Windstromproduktion und sehr niedriger Jahresminimalleistungen bleibt ein Backup‑System mit Regelfähigkeit bis zur Jahreshöchstlast auch bei weiterem Ausbau erforderlich. Das parallele Vorhalten gesicherter Leistung ist mit Zusatzaufwand verbunden.
- Ausnutzung der landesweiten Offshore-Windturbinenflotte geringer als erhofft
Der für Offshore-Windparks mit besonders günstigen Standortbedingungen kommunizierte Erwartungshorizont jährlicher Ausnutzungen4) von 46 bis 51 % (entsprechend 4.000 bis 4.500 Volllaststunden) bleibt für die landesweite Offshore‑Windturbinenflotte mit beobachteten rückläufigen Werten von 42 % im Jahr 2015 auf 32 % im Jahr 2025 bislang unerreicht. Gründe sind vor allem system- und marktbedingte Abregelungen sowie unerwartet starke Ertragseinbußen im realen Großsystem mit hohen Nennleistungen auf begrenzten Meeresflächen.
- Zunehmende Ausfallarbeit begrenzt Nutzen des Offshore-Windenergie-Zubaus
Seit dem Jahr 2020 wird im Mittel mehr Offshore‑Windstrom systembedingt jährlich abgeregelt, als im jeweiligen Jahr neu zugebaute Windturbinen bei repräsentativer Ausnutzung zusätzlich hätten erzeugen können. Ohne koordinierten Ausbau der Netzinfrastruktur führt der Nennleistungszubau zu wachsender Ausfallarbeit und sinkender Ausnutzung.
- Wake‑Effekte setzen standortbezogene Obergrenzen
In dicht belegten Windpark-Clustern mit hohen Nennleistungen pro Quadratkilometer Meeresfläche treten ausgeprägte Wake‑Effekte5) auf, die laut Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme für verdichtete Ausbauszenarien in der Nordsee zu Ertragsminderungen um bis zu 20 % führen. Dies deutet darauf hin, dass die physikalisch nutzbare Windressource in einigen Nordsee-Regionen begrenzt sein könnte.
- Intermittenz der Offshore‑Einspeisungen hat mit bisherigem Ausbau zugenommen
Etablierte Verfahren wie Spektralanalysen, Hurst‑Exponenten und Intermittenzparameter auf Basis viertelstündlicher Einspeisezeitreihen deuten darauf hin, dass die Windstromproduktion auf See sprunghafter und weniger geglättet ist als an Land und dass ausgeprägte Leistungsänderungen auf sehr kurzen Zeitskalen mit dem bisherigen Ausbau zugenommen haben – mit Auswirkungen auf das Versorgungssystem.
- Dunkelflauten als europäische Systemherausforderung
Literaturstudien zur Windstromproduktion in Europa auf Basis langjähriger Wetterdaten belegen, dass seltene, ausgeprägte Dunkelflauten großräumig auftreten und sich durch geographische Glättung allein nicht kompensieren lassen. Modellrechnungen aus der Literatur weisen auf einen saisonalen Speicherbedarf in einer Größenordnung von einigen hundert Terawattstunden hin. Heute installierte Batterie‑ und Pumpspeicherkapazitäten können davon lediglich einen Bruchteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich abdecken.
- Mehr Flexibilität bei Konzentration auf intermittierende Einspeiser erforderlich
Neben Windenergie trägt Photovoltaik als weitere intermittierende regenerative Energie zur Jahresstromproduktion bei. Sie trägt aufgrund regelmäßig ausfallender nächtlicher Einspeisung nicht zur gesicherten Leistung bei. Hinzu kommen bewölkungsbedingt zeitweise reduzierte Einspeisungen und deutlich abfallende Erträge im Winter. In Kombination mit Windenergie erhöht dies den Bedarf an Flexibilitätsoptionen, Speichern und regelbarer Erzeugung.
- Ausbauziele systemorientiert weiterentwickeln
Vor dem Hintergrund der physikalischen und systemischen Befunde erscheint es sinnvoll, die Ausbauziele für Offshore-Windenergie stärker an erzielbarer Jahresarbeit (TWh), Systemdienlichkeit und Netzintegration auszurichten. Hierbei sind die Kriterien des Zieldreiecks aus Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit ausgewogen zu berücksichtigen.
4) Verhältnis von tatsächlich netzeingespeisten zu der bei Auslegungswindbedingungen lieferbaren elektrischen Energie.
5) Wake-Effekte (Nachlaufeffekte) bezeichnen die Abschattung und Verwirbelung des Windes im Windschatten nachfolgender Anlagen
Quellen:
[2] https://www.vgbe.energy/news/neue-vgbe-studie-zur-offshore-windenergienutzung-in-deutschland/