Unter diesem Titel erschien auf dem Blog von „Bremensogesehen“ [1] ein Gastkommentar des Bremer Mathematikers Prof. Dr. Heinz-Otto Peitgen, in dem er eine Lanze bricht für die vielfach gescholtene Bundeswirtschaftsministerin Katharine Reiche.
Gastkommentar:
„Die pauschale Verunglimpfung von Katherina Reiche als „Lobbyistin” greift zu kurz und verdrängt eine unangenehme Realität: Die deutsche Energiewende ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein ökonomisches und gesellschaftliches Problem geworden. Wer Fehlentwicklungen offen anspricht, wird heute schnell moralisch diskreditiert.
Das zentrale politische Versprechen der grünen Transformation lautete über viele Jahre: sinkende Strompreise, technologische Führung und ein neues „grünes Wirtschaftswunder”. Nichts davon ist eingetreten. Deutschland zählt heute zu den Ländern mit den höchsten Strompreisen der industrialisierten Welt, energieintensive Industrien geraten unter Druck, und die erhoffte Wachstumsdynamik bleibt aus. Vieles erwies sich als politisches Wunschdenken. Ein auf fluktuierenden Quellen beruhendes Energiesystem erzeugt zwangsläufig enorme Zusatzkosten: Netzausbau, Speicher, Redispatch, Reservekraftwerke und Vorhaltung gesicherter Leistung.
Seit etwa 2020 kommt ein weiteres Symptom hinzu: Jahr für Jahr wird im deutschen Offshore-Bereich mehr potenziell verfügbarer Windstrom wegen Netzengpässen und gleichzeitiger Überschüsse aus erneuerbaren Energien abgeregelt, als neue Offshore-Windparks im gleichen Zeitraum zusätzlich hätten erzeugen können. Während politisch der weitere Ausbau propagiert wird, ist das System technisch längst an Grenzen gestoßen, die man durch rechtzeitigen Ausbau der Übertragungsnetze hätte entschärfen müssen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist beträchtlich – bezahlt letztlich von den Stromkunden.
Bei einer ideologiefreien Analyse hätten viele der heute sichtbaren Probleme erkannt werden können. Deutschland ist inzwischen für viele ein warnendes Beispiel dafür geworden, wie man eine Energiewende nicht organisieren sollte: mit politisch erzeugtem Zeitdruck, moralischer Überhöhung, mangelnder Technologieoffenheit und systematischer Unterschätzung der Systemkosten. Entscheidend sind nicht die reinen Gestehungskosten einer Kilowattstunde Wind- oder Solarstrom, sondern die Kosten eines stabilen Gesamtsystems – und diese steigen mit wachsendem Anteil volatiler Einspeisung deutlich an.
Gleichzeitig zeigt sich, wie der über Jahre verschleppte Ausbau der Übertragungsnetze das System unter Stress setzt. Während an der Peripherie große Mengen erneuerbarer Energien erzeugt werden, fehlen Trassen zu den Verbrauchszentren. In der nächsten Phase, wenn in den Kommunen Wärmepumpen und Elektromobilität deutlich zulegen, verlagert sich dieser Stress in die unteren Spannungsebenen. Kommunale Verteilnetze, oft für eine andere Laststruktur ausgelegt, stoßen an Grenzen und müssen ausgebaut und verstärkt werden. Finanziert wird dies über steigende Netzentgelte – eine weitere Kostenlawine für Haushalte und Unternehmen.
Hinzu kommt ein oft verdrängter volkswirtschaftlicher Zusammenhang: Die Energiewende ersetzt in großem Umfang bestehenden Kapitalstock — funktionierende Kraftwerke, Netze, Heizsysteme, Fahrzeuge und industrielle Prozesse. Dadurch werden enorme Ressourcen gebunden, die für Innovation, Produktivität, Digitalisierung, Bildung oder Forschung fehlen. Eine Volkswirtschaft wird nicht dadurch reicher, dass sie funktionierende Infrastruktur vorzeitig ersetzt, sondern dadurch, dass sie ihre Produktivität erhöht.
Auch das EEG war ursprünglich als Anschubinstrument gedacht. De facto entstand ein System garantierter Renditen mit minimalem Risiko. Über Jahrzehnte erhielten Investoren feste Einspeisevergütungen, abgesichert durch den Staat und finanziert über den Strompreis. Die Kosten trugen nicht primär Vermögende, sondern Millionen Haushalte und mittelständische Betriebe – de facto eine Umverteilung von unten nach oben, von Stromkunden zu Kapitalanlegern. Zugleich zeigt sich, dass die Energiewende strukturell von dauerhaften Subventionen abhängig ist: Immer dort, wo Förderung zurückgenommen oder Risiken den Investoren zugemutet wurden, stockte der Ausbau, zuletzt sichtbar beim Rückzug aus Offshore-Windprojekten. Da Anlagen, Netze und Speicher auch künftig regelmäßig ersetzt werden müssen, entsteht kein einmaliger Transformationsaufwand, sondern ein dauerhafter, förderabhängiger Erneuerungszyklus.
Vor diesem Hintergrund wirkt die moralische Empörung über Stimmen wie Frau Reiche fehlgeleitet. Sie benennt Probleme vergleichsweise klar und wirbt dafür, Klimaschutz, ökonomische Vernunft, technische Machbarkeit sowie Akzeptanz und Belastungsfähigkeit der Verbraucher rational aufeinander abzustimmen. Wie dringend eine Reform ist, illustrierte der 1. Mai 2026: Negative Strompreise von bis zu −0,49€/KWh über mehrere Stunden, am Ende finanziert aus Steuergeldern, weil die garantierte Einspeisevergütung Anlagenbetreibern keinen Anreiz lässt, bei Überangebot abzuregeln oder zu speichern.
Genau diese Fehlanreize will die geplante EEG-Novelle adressieren — und stößt deshalb auf Widerstand derjenigen, deren Geschäftsmodell auf ihnen beruht. Schreitet der Ausbau von PV und Wind wie geplant fort, ohne dass Flexibilität und marktkonforme Anreize gleichermaßen wachsen, droht der 1. Mai zur Vorschau auf den Regelfall zu werden — mit zweistelligen Milliardenbelastungen pro Jahr für die Steuerzahler.
Dass ausgerechnet die Lobbyisten der Windenergie über solche Warnungen empört sind, ist nachvollziehbar – sie berühren die Geschäftsgrundlage eines Systems, das auf stetigem Ausbau und anhaltender Förderung beruht. Wer heute Verantwortung übernimmt, muss die Scherben einer über Jahre ideologisch aufgeladenen Energiepolitik aufräumen. Wer auf ökonomische und technische Probleme der Energiewende hinweist, verteidigt nicht automatisch fossile Interessen, sondern fordert Realitätssinn, Technologieoffenheit und eine ehrliche Bilanz der tatsächlichen Kosten und Nebenwirkungen. Demokratie lebt davon, dass solche Debatten geführt werden können, ohne Andersdenkende reflexhaft als „Lobbyisten” oder „Klimafeinde” zu diffamieren.“
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