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Nukleare Sicht eines Umweltschützers

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Das Bemerkenswerte an dem folgenden Artikel ist das Bekenntnis eines Wissenschaftlers, dass er als junger Mensch emotional dem Mainstream junger Leute folgend die Kernenergie bekämpfte, ohne sich in der Sache auszukennen oder sich mit dieser Technologie, ihren Chancen und Risiken auseinandergesetzt zu haben und nach Jahren sich zur Nutzung der Kernenergie bekennt und nunmehr sich dafür einsetzt. Auf die Wirkung seines Buches (siehe unten) darf man gespannt sein. Auch andere Wissenschaftler haben diesen Wandel vollzogen. Einer von ihnen ist Patrick Moore, ein ehemaliger Greenpeace-Aktivist, ein anderer James Lovelock, bekannt für seine Gaia-Hypothese, der sich selbst als „altmodischer Grüner“ bezeichnet, sich aber dazu bekennt, dass Großbritannien Kernenergie und Fracking als Energiequelle nutzen sollte und nicht die erneuerbaren Quellen wie Windparks.

 Der nachfolgende leicht gekürzte, sinngemäß ins Deutsche übersetzte Text erschien in World Nuclear News in englischer Sprache.

 

In den 1970er Jahren fürchtete sich ein Antinuklear-Aktivist vor der Willkürherrschaft (tyranny). Er fürchtete sich vor radioaktiver Strahlung. Doch die Willkürherrschaft trat nicht ein und die Wirkung radioaktiver Strahlung war missverstanden worden. Die Bedrohung durch Klimawandel ist real, um ihn zu bekämpfen, bedarf es der Kernkraft, schreibt Scott L. Montgomery, dessen Überzeugung am 22. Dezember 2017 im Internet erschien *).

 Scott L. Montgomery:  Ich begann mein Studium der Geowissenschaften in 1974 an der Graduiertenschule der Cornell Universität. Ich war so etwas wie ein Antinuklear-Aktivist. Ich ging nach Shoreham, das in Long Island liegt, und versuchte die Arbeit der Bulldozer zu stoppen, die den Boden für ein neues Kernkraftwerk vorbereiteten. Das brachte mir eine Nacht im Gefängnis ein. Ich marschierte und schloss mich der Clamshell Allianz, der Aberlone Allianz und zahlreicher anderer Allianzen an. Ich war gegen Antinuklear-Waffen, aber auch gegen Antinuklear-Macht, und dafür gab es ganz besondere Gründe.

Es war die Zeit in der Mitte der Watergate-Affäre und der Vietnam-Ära. Es bestand große Sorge über eine Zunahme der Staatsmacht und nicht nur der sondern auch der Militärindustriekomplexe, in der die Regierung als Ganzes involviert war. Es war das Zusammenwirken der Verteidigungsindustrie, des Militärs und der Staatsmacht. Und nun die Kernkraft, diese großen, Kapital intensiven Projekte in der Mitte besiedelter Gebiete, in Stadt und Land, sie erschienen zugleich als Zeichen und Symbol abnehmender demokratischer Fähigkeiten. Es erschien wie ein Weg in die Willkürherrschaft und so stand vieles auf dem Spiel.

Nach allem was ich gelesen habe, glaube ich, dass dies ebenso in Europa gesehen wird, auch in Deutschland. Daher, wenn man liberal eingestellt ist und sieht, wie die Dinge laufen, dann bietet die Kernkraft eine bedeutende Möglichkeit zu opponieren. Weder wusste man, was was war, noch wusste man wie ein Reaktor arbeitet, das spielte keine Rolle, weil es um höherwertige Ziele ging.

Obgleich Wissenschaftler, als Doktorand, auf einem Gebiet, das viel mit Kernkraft in Bezug auf Bergbau und dem Verständnis der Erde und seiner Mineralien zu tun hat, habe ich niemals die Zeit aufgebracht, diese Technologie zu verstehen (….).

Jetzt, 30 Jahre später, wo der Klimawandel ansteht und klar ist, dass der kohlenstofffreien Energie die Zukunft gehört, stehe ich auf der anderen Seite der Wissenschaft. Ich unterrichte in Energie- und Nachhaltigkeitskursen, die zu Beginn im Jahr 2000 nicht zuletzt für mich eine neue Materie waren, zumal aus der Sicht der aktuellen Politik. Viele meiner Studenten waren neugierig und wollten etwas über Kernkraft erfahren. Sie gehören zu den Jüngeren, die noch nicht zur Zeit der Ereignisse von Three Mile Island oder Tschernobyl gelebt haben (…). So wurde es Teil meines Jobs, soweit in die Technik einzusteigen, dass ich darüber unterrichten konnte. Ich fühlte mich geradezu zu dieser Technik hingezogen, weil ich sehr schnell erkannte, wie viel an grundlegenden Dingen darin steckte, die mir bislang unbekannt waren. Je mehr ich lernte, umso mehr stellte ich fest, wie wenig ich zuvor davon gewusst habe und dass die Frage der Kernkraft viel komplexer ist, als ich gedacht hatte.

Selbstverständlich, die Willkürherrschaft trat nicht ein, aber Tschernobyl geschah und von diesem Zeitpunkt an hatten die Menschen mächtige Angst**) vor radioaktiver Strahlung. Dies gab mir Anlass für ein Studium. Aber es war ein riesiges Unterfangen, das anzugehen war, weil man schon zu Beginn des Studiums erkannte, dass die medizinische Wirkung der Strahlung auf den Menschen nicht nur komplex ist, sondern dass ein gewaltiges Missverständnis darüber in Medien bestand und dass auch das Verständnis darüber in der Bevölkerung nicht vorhanden war und sie keine Aufklärung erhielten. Sie wurde in ihrer Angst allein gelassen, und sie hatte keine wirkliche Gelegenheit, die Dinge zu hinterfragen und zu begreifen.

So glaubt die Bevölkerung, dass jede Strahlung in jeder Intensität tödlich ist (…), was tatsächlich nicht der Fall ist. Hoch interessant waren die Gespräche mit Fachleuten, Radiologen, Gesundheitsphysikern, Radiobiologen, Nuklearphysikern und Medizinern, die mit den Auswirkungen von Tschernobyl und Fukushima befasst waren. Die Fachwelt ist sich sehr klar über das mangelnde Verständnis der Öffentlichkeit, und dass Strahlung bei niedrigen Dosen, insbesondere unter 100 Millisievert pro Jahr, eine sehr schwache karzinogene Wirkung hat und wahrscheinlich auch ein gutes Stück noch darüber hinaus.

(…) Die Dosisgrenzwerte für die Bevölkerung sind außerordentlich gering angesetzt und obgleich diese aus logischer Sicht sinnvoll sind, wehren sich Leute in der radiologischen Gemeinschaft dagegen (Anm.: Sie halten selbst die geringen Grenzwerte für noch zu hoch.), die die Bevölkerung so weit wie möglich schützen wollen. Dadurch wird das aggressive Verhalten in der Bevölkerung gegen Strahlung verstärkt, so dass in Fukushima selbst ein Millisievert im Jahr über der natürlichen Strahlung für zu hoch angesehen wird, um Leute in ihre Häuser (im Umkreis von Tschernobyl) zurückkehren zu lassen. Das ist absurd. Beim Flug von Seattle nach Denver erhielte man eine doppelt so hohe Dosis, und wenn jemand von Fukushima in die USA nach Denver fliegen würde, wäre die Strahlenexposition dreimal so hoch. (…)

Über diese Art der Ironie kann man nur den Kopf schütteln. Irgendwas läuft da falsch. (…) Beim Vergleich der Nuklearenergie mit anderen Energiequellen – vielleicht mit Ausnahme der Solarenergie – schneidet die Nuklearenergie als enorm sicher ab.

Bei im Mittel 300 Reaktoren und 55 Betriebsjahren gab es 3 große Unfälle mit weniger als 100 Toten. Das ist keine gefährliche Technologie. Und wenn es 5000 Fälle mit Schilddrüsenkarzinom bei Tschernobyl gäbe, wäre auch das kein Desaster. Die durch Kohle, Öl und Gas verursachten Gesundheitsschädigungen sind ungleich zahlreicher. Zieht man das Versagen von Staudämmen in Betracht, kamen allein in China hundert Tausende in den letzten 35 Jahren ums Leben. In 1975 – vier Jahre vor Three Mile Island – töte ein Dammbruch in den USA annähernd 600 Menschen. Keines dieser Ereignisse erschien mit Ausnahme von Lokalzeitungen auf der ersten Seite. Nur im Fall von Three Mile Island, wo niemand verletzt wurde und wo in mehreren Prozessen gezeigt wurde, dass es keinen Anstieg der Krebshäufigkeit gab, kennt sich jedermann aus, ein nationales psychologisches Phänomen.

(in seinem Artikel folgt an dieser Stelle eine Ausführung über das von ihm und Thomas Graham Jnr verfasste Buch „Seeing the Light: Making the Case for Nuclear Power in the 21st Century“, worin die Autoren über Falschinformationen im Internet und in Medien über Geschehnisse rund um die Kernenergie und dem Nutzen der Kernenergie die Bevölkerung aufklären wollen.)

Es ist wichtig, mit der Kernenergie eine dauerhaft kohlenstofffreie Energiequelle zu besitzen. In den USA macht die Kernenergie 60% der kohlenstofffreien Stromerzeugung aus, in einigen europäischen Staaten sogar noch mehr. Wir können es uns nicht leisten, sie aufzugeben und wir können für die Zukunft nicht auf Technologien setzen, die wir nicht haben. Wir haben keine Erneuerbaren, die das leisten, vielleicht in der Zukunft, aber es wäre sehr tollkühn und im Wesentlichen nicht akzeptabel, die Zukunft auf Dinge aufzubauen, die nicht existieren und für die es keine Existenzgarantie gibt.

Der Klimawandel ist eine solche Bedrohung, dass wir alles brauchen werden, was wir haben und das definitiv die Kernenergie und ihre eigenen Zukunftstechnologien einschließt. Es ist eine große Schande, dass der Westen, der diese Technologie erfunden hat, sich vor der Expansion fürchten musste, und doch beobachten wir andere Teile der Welt, wo die Kernenergie expandiert. Diese Länder wollen die fossilen Brennstoffe durch eine kohlenstofffreie Energiequelle, die Kernenergie, ersetzen, die ihnen den Strom liefern kann, den sie für ihre wirtschaftliche Entwicklung benötigen. Aus den Vereinigten Staaten kommend, empfinde ich es als eine Schande, dass eine Technologie, die wir in die Welt gebracht haben, innerhalb unserer eigenen Grenzen dem Verfall (decay) überlassen wird.

 

*) Die englische Fassung wurde von World Nuclear News am 22. Dezember 2017 unter dem Titel „An environmentalist view of nuclear“ im Internet veröffentlicht. < http://www.world-nuclear-news.org>

**) siehe hierzu von Günter Keil „Deutschland auf der Geisterbahn der Angst“ auf dieser Webseite