Augen auf! Worauf das Energiekonzept 2010 hinausläuft

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Nicht an ihren Worten, an ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

 

Im Folgenden werden einige Aussagen im Energiekonzept der Bundesregierung vom 28. September 2010 im Hinblick auf Umsetzbarkeit und Auswirkung näher betrachtet. Das Konzept wurde in der 18. Legislaturperiode (2013 – 2017) nicht aktualisiert. Es gilt mit Ausnahme der Kernenergiezukunft weiterhin als Richtschnur. Im Konzept heißt es unter anderem:

Deutschland soll in Zukunft bei wettbewerbsfähigen Energiepreisen und hohem Wohlstandsniveau eine der energieeffizientesten und umweltschonendsten Volkswirtschaften der Welt werden.“

„Ein hohes Maß an Versorgungssicherheit, ein wirksamer Klima­ und Umweltschutz sowie eine wirtschaftlich tragfähige Energieversorgung sind zugleich zentrale Voraussetzungen, dass Deutschland auch langfristig ein wettbewerbsfähiger Industriestandort bleibt. Wir wollen den Wettbewerb und eine marktwirtschaftliche Orientierung auf den Energie­ märkten stärken.….Beim Energiemix der Zukunft sollen die erneuerbaren Energien den Hauptanteil übernehmen. Auf diesem Weg werden in einem dynamischen Energiemix die konventionellen Energieträger kontinuierlich durch erneuerbare Energien ersetzt. Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie auf dem Weg dorthin. Dabei setzen wir auf eine ideologiefreie, technologieoffene und marktorientierte Energiepolitik.“

Nur ein halbes Jahr nach Verabschiedung des Konzeptes war eine der Leitlinien bereits Makulatur. Von jetzt auf gleich, ohne die sachlichen, wirtschaftlichen, finanziellen und rechtlichen Konsequenzen geprüft zu haben, mussten acht Kernkraftwerke dauerhaft vom Netz genommen werden, die übrigen neun müssen nach einem vorgegebenen Zeitplan bis 2022 ihren Betrieb endgültig einstellen. Brückentechnologie? Ideologiefrei? Technologieoffen? Marktorientiert? Nichts von alle dem. Aus strategiepolitischen Gründen Verzicht auf eine CO2 freie, kostengünstige und somit wettbewerbsfähige, insbesondere aber versorgungssichere Stromerzeugung, ohne dass gleichwertige Möglichkeiten der Stromerzeugung vorhanden sind. Planwirtschaft statt Marktwirtschaft. Wettbewerbsfähige Energiepreise? Fehlanzeige: Deutschland rangiert bei den Stromkosten nach Dänemark an oberster Stelle der EU. Fakt ist, dass stromintensive Produktionsstätten bereits ins Ausland verlegt werden, dort hin, wo tatsächlich wettbewerbsfähige Bedingungen gegeben sind.

Hinsichtlich der Stromversorgungssicherheit wandelt Deutschland bereits am Abgrund. Nur ständige Eingriffe ins Versorgungsnetz verhinderten bislang den flächendeckenden totalen Stromausfall. Mit jeder neuen Windkraftanlage wird die Regelung problematischer. Nur äußerst langsam setzt sich auf politischer Ebene die geradezu triviale Erkenntnis durch, dass auch bei einem noch so hohen Ausbau der Erneuerbaren ein Verzicht auf fossile Kraftwerke nicht möglich ist. Noch dazu müssen diese Kraftwerke ständig „mitlaufen“, um im Bedarfsfall im Sekundentakt witterungsbedingt ausbleibende Stromeinspeisung ausgleichen zu können.

 

 „Wir streben an, bis 2020 den Stromverbrauch gegenüber 2008 in einer Größenordnung  von 10 % und bis 2050 von 25 % zu vermindern.“

Macht die Minderung des Stromverbrauchs Sinn, solange keine Primärenergie eingespart wird? An manchen Tagen des Jahres wird der Strom im Überschuss aus Sonne und Wind produziert, für den momentan kein Bedarf besteht. Windkraftanlagen werden dann gedrosselt oder Überschussstrom wird kostenlos an Nachbarländer abgegeben. Nicht bedarfsgerecht produzierter Strom aus Sonne und Wind wird bei zunehmendem Ausbau der Erneuerbaren immer häufiger der Fall sein. Die ursprünglich verpönte elektrische Nachspeicherheizung kommt daher sogar wieder ins Gespräch. Der vorgegebenen Verminderung des Stromverbrauches steht entgegen, dass Strom immer mehr Aufgaben übernehmen muss. Die angestrebte und vom Bund finanziell geförderte Elektromobilität oder die als Speicherform angedachte „Power-to-Gas“-Technik, wenn sie denn tatsächlich trotz mangelnden Wirkungsgrades eingesetzt werden sollte, werden den Strombedarf steigern.

In den vergangenen Jahrzehnten sind zumal im produzierenden Gewerbe aus betriebswirtschaftlichen Gründen bereits erheblichen Anstrengungen zur Stromeinsparung unternommen worden. Die Stromeinsparungsmöglichkeiten sind weit gehend ausgereizt.

Im Jahr 2008 betrug der Bruttrostromverbrauch im Deutschland 618,2 Milliarden kWh. In den seither vergangenen acht Jahren lag der mittlere Jahresverbrauch bei 599,0 Mrd. kWh.   Das Minderungsziel (-10%) bis 2020 mit 556,4 Mrd. kWh und auch über den Zeitraum hinaus ist bei gleichbleibender Prosperität der Wirtschaft unrealistisch.

 

„Bis 2020 soll der Primärenergieverbrauch gegenüber 2008 um 20 % und bis 2050 um 50 % sinken. Das erfordert pro Jahr eine Steigerung der Energieproduktivität (Verhältnis des Bruttosozialproduktes zu Primärenergieverbrauch) um durchschnittlich 2,1 % bezogen auf den Endenergieverbrauch.“

Im Auftrag der Bundesregierung haben externe Gutachter für das Energiekonzept verschiedene Szenarien errechnet. Die Ergebnisse der Szenarien seien keine Prognosen. Die Szenarien sollen vielmehr als grobe Wegbeschreibung oder als Kompass verstanden werden, der unter bestimmten Annahmen die Richtung zur Zielsetzung angibt und die notwendigen Maßnahmen benennt. Die Bundesregierung meidet den Begriff Prognosen, aus gutem Grund. Kübler 1), ein ehemaliger Mitarbeiter des Bundeswirtschaftsministeriums, analysierte die Zuverlässigkeit von Prognosen vergangener Jahre:

„Die Energiegeschichte in Deutschland zeigt, dass die „staatlichen Energieprognosen“ bei dem vorhandenen Wissen, unter den jeweiligen Rahmendaten und den politischen Konstellationen in ihren Grundlinien nachvollziehbar waren. Sie folgten dem Zeitgeist. Heute wissen wir, dass viele dieser Prognosen die Politik in eine falsche Richtung gelockt oder getrieben haben. Auch augenscheinliche Plausibilität kann in die Irre führen. Die Erfahrung, dass sich die Welt oft anders entwickelt als Prognostiker erwarten, mahnt zur Vorsicht.“

Schauen wir uns daher die Zielvorgaben für das Jahr 2050 mit einer Senkung des Primärenergieverbrauchs um 50 % gegenüber 2008 sowie des Anteils erneuerbarer Energien am Bruttoendenergieverbrauch von 60 % einmal näher an. Was lässt sich daraus ableiten?

In 2008 betrug der Primärenergieverbrauch 14.380 Petajoule 2)3). Der angestrebte Primärenergieverbrauch in 2050 soll also demnach 7.190 Petajoule (PJ) nicht überschreiten. Mit diesen Angaben sind Rückschlüsse auf den Energiemix in 2050 möglich. Denn:

  • der Beitrag von Kernkraftwerken ist Null, das letzte KKW wird 2022 stillgelegt.
  • Der 60 %-ige Anteil der erneuerbaren Energie am Bruttoendenergieverbrauch entspricht einem 55 %-igen Anteil am Primärenergieverbrauch 4). 55 % von 7.190 PJ sind gerundet 3.955 PJ.
  • Unterstellt, die angestrebte Treibhausgasemission von 80 % bis 95 % in 2050 wäre erreichbar, dann sicher nur bei nahezu komplettem Verzicht auf Braunkohle und Steinkohle zur Stromerzeugung.

Demnach stünden zur Deckung des Primärenergieverbrauchs in 2050 nur Erdgas, Erdöl und erneuerbare Energien zur Verfügung mit einem Mix aus 3.955 PJ erneuerbare Energien und 3.235 PJ Erdgas und Erdöl.

3.955 PJ entsprechen 1.099 Terawattstunden (TWh), die aus Windkraft, Solarenergie, Bioenergie und Wasserkraft in 2050 erzeugt werden müssen. In 2016 betrug die Bruttostromerzeugung aus Windkraft 80 TWh und aus Solarenergie 38 TWh, was zusammen einem Anteil von 63,4 % an der gesamten Bruttostromerzeugung aus erneuerbarer Energie entspricht.

Angenommen, auch im Jahre 2050 würde der Anteil von Wind und Sonne an der Bruttostromerzeugung durch erneuerbare Energien unverändert 63,4 % betragen, dann wäre ihr Beitrag an den 1.099 TWh rund 697 TWh. Deren derzeitiger Beitrag in 2016, also 80 + 38 = 118 TWh, müsste bis 2050 um mindestens das 6-fache gesteigert werden.

Die Anteile von Wind, Sonne, Bioenergie und Wasserkraft aber werden bis 2050 nicht unverändert bleiben: Dem Ausbau der Wasserkraft in Form von Pumpspeicherkraftwerken stehen Bürgerinitiativen entgegen, zudem stehen auch kaum mehr geeignete geologische Formationen zur Verfügung. Ein nennenswerter Ausbau ist daher nicht zu erwarten. Dem Ausbau der Bioenergie sind durch den problematischen Monokulturanbau und dem Entzug von Nahrungsmittelanbau Grenzen gesetzt. Der Ausbau wird sich daher verringern. Dem großflächigen Ausbau von Solaranlagen stehen vermehrt Bedenken gegenüber, und auch die zu erwartende abnehmende Förderung wird sich dämpfend auf den Ausbau auswirken.

In erster Linie muss es daher auf einen Ausbau der Windkraftanlagen bis 2050 hinauslaufen. In 2016 waren in Deutschland 27 220 Windkraftanlagen installiert. Auch wenn bei (geschätzt) 10.000 Anlagen von ihnen ein Ersatz durch moderne Neuanlagen (Repowering) möglich sein wird, wird ein Zubau von mindestens 100.000 Windkraftanlagen aufgrund der Vorgaben im Energiekonzept 2010 unvermeidbar sein.

Wohl gemerkt, dieser Zubau basiert auf dem Bestreben der Bundesregierung, bis 2050 eine Halbierung des Primärenergieverbrauches gegenüber 2008 zu erreichen. Und wenn das nicht gelingt, weil Prognosen wieder mal den falschen Weg gewiesen haben (siehe oben)? Dann wird man sich auf einen doppelt so großen Zubau an Windkraftanlagen einstellen müssen. Mein Bedauern gilt denen, die diese Entwicklung mit ansehen müssen und darunter zu leiden haben. Schaden der Windkraftanlagen für Mensch und Umwelt werden ausführlich von Keil beschrieben 7).

Doch trotz dieser gleichsam flächendeckenden „Verspargelung“ von Deutschland müssen zwingend mit Gas oder Öl betriebene Kraftwerke mit mehreren 10.000 MW installierter Leistung pausenlos mitlaufen, um im Sekundentakt die Stromerzeugung zu übernehmen, wenn Wind und Sonne nur unzureichend oder keinen Strom liefern. Und das ist keineswegs selten, wie ein Blick zum Beispiel auf den Verlauf der Strom-Einspeisung 5) im Dezember 2015 verdeutlicht (Abb.1). Die braune Fläche (Load) ist der Strombeitrag von Kernenergie- und Fossilkraftwerken. Auch bei weiterem Ausbau der Wind- und Solarkraftwerke wird sich das Bild der Zackenkurven nicht wesentlich ändern. Wer dann immer noch ernsthaft glaubt, Wind- und Solarstrom könnte die konventionellen Kraftwerke ersetzen, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen.

Abb.1

In Anbetracht der Begrenztheit von Gas- und Ölvorkommen 6) sowie der vollständigen Exportabhängigkeiten Deutschlands bei diesen Energiequellen und ohne realistische Aussichten auf die Verfügbarkeit geeigneter Stromspeicher grenzt die Beschränkung auf Gas und Öl auf politischen Leichtsinn und pure Verantwortungslosigkeit. Übertrumpft wird dieses Konzept allerdings noch von der auf dem G20-Gipfel in Elmau vereinbarten „Dekarbonisierung“, dem völligen Verzicht auf die Verbrennung fossiler Energien.

 

  • 1) Knut Kübler, Wendigkeit – ein vernachlässigtes Ziel der Energiepolitik, Energiewirtschaftliche Tagesfragen 66. Jg. (2016) Heft 1/2
  • 2) https://de.wikipedia.org/wiki/Bedarf_an_elektrischer_Energie
  • 3) Petajoule bedeutet 1015 Joule, 1 kWh = 3,6 x 106 Joule bzw. 1 TWh = 3,6 PJ
  • 4) Knut Kübler, Energiekonzept, Mathematik und zweifelhafte Erwartungen, Energiewirtschaftliche Tagesfragen 63. Jg. (2013) Heft ½
  • 5) C:\Users\Monika\Documents\FH AKE\Hilfsb 252-1 Leistungs-Ganglinien Dezember 2015 Windenergie+Solaranlagen variiert 20.01.2016.doc
  • 6) Klaus Tägder, Reichweite der Energierohstoffe: Ausreichend Zeit für Umbau des Energiesystems, www.ageu-die-realisten.com
  • 7) Günter Keil, Ethik-Kommission „Windkraft-Ausstieg“, ageu-die-realisten.com