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Verteilung von Jodtabletten: Eine mit Risiken verbundene behördliche Anordnung

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Der Bonner General-Anzeiger berichtete am 1. September 2017 über die beginnende Verteilung von Jodtabletten in der Stadt und der Städteregion Aachen sowie in den benachbarten Kreisen Düren, Euskirchen und Heinsberg. Die Verteilung geschehe aus Sorge vor einem möglichen Störfall im belgischen Kernkraftwerk Tihange.

Die Ausgabe der Tabletten erfolgt auf Antrag über die Online-Portale der Verwaltung. Bei Freigabe durch die Verwaltung können Bezugsscheine ausgedruckt und bei Apotheken eingelöst werden. Schon der eindringliche Hinweis von Verwaltung und Apotheken, dass die Ausgabe der Tabletten vorsorglich geschehe und diese erst nach ausdrücklicher behördlicher Aufforderung eingenommen werden dürfen, belegt die mit der Einnahme unter Umständen verbundenen Risiken.

Die Verteilung von Jodtabletten ist in dieser Form in Deutschland einmalig. Zwar sind Behörden verpflichtet, für jede Art gefährlicher Anlagen Katastrophenschutzpläne zu entwickeln und in diesem Zusammenhang auch einen Vorrat an Jodtabletten anzulegen. Eine direkte Verteilung von Jodtabletten an die Bevölkerung hat bisher an keinem Kernkraftwerksstandort stattgefunden. Bereits die von Aachen eingereichte Klage gegen den Betrieb des Kernkraftwerks von Tihange und nunmehr auch die Verteilungsaktion sind dazu angetan, Unsicherheit bis hin zu Ängsten in der Bevölkerung auszulösen. Dem gegenüber kam die belgische Aufsichtsbehörde nach umfangreichen Untersuchungen mit verfeinerten Messmethoden und Hinzuziehung nationaler und internationaler Expertenkommissionen zu dem Schluss, dass die im Stahl des Reaktordruckbehälters festgestellten Wasserstoffeinschlüsse keine Gefahr für den sicheren Betrieb der Anlagen darstellten. Sie seien fertigungsbedingt entstanden und nicht während des Betriebs – etwa infolge Strahlungseinwirkung. Gleichwohl ziehen Gemeinden im Raum Aachen gegen den Betrieb zu Felde. Dass die Jodtablettenverteilung durchaus ambivalent beurteilt werden kann, wird nachfolgend dargelegt.

 

Die von der Bundesregierung berufene Strahlenschutzkommission (SSK) 1) sieht es für erforderlich an, die Bevölkerung darauf hinzuweisen, dass es nutzlos und gar schädlich ist, wenn sie die Jodtabletten aus eigener Initiative, also ohne Aufforderung durch die zuständigen Behörden, einnehmen würden. Sie würde sich nur unnötig dem Risiko von Nebenwirkungen aussetzen.

Grund der Jodtabletten-Verteilung

 Bei Unfällen in Kernkraftwerken kann es unter ungünstigen Umständen zur Freisetzung von radioaktiven Stoffen, darunter auch radioaktives Jod, kommen. Radioaktives Jod hat die gleichen chemischen und biologischen Eigenschaften wie das mit der Nahrung aufgenommene natürliche Jod und würde ohne Gegenmaßnahmen deshalb wie das natürliche Jod in der Schilddrüse gespeichert. Jod ist ein für die Funktion der Schilddrüse wesentlicher Baustein. Durch die Einnahme von Jodtabletten kann die Speicherung von radioaktivem Jod verhindert, zumindest stark reduziert werden, weil die Schilddrüse quasi mit Jod aus den Tabletten gesättigt wurde (Jodblockade der Schilddrüse). Zugleich wird die Wirkung von nicht gespeichertem radioaktivem Jod, das über kontaminierte Nahrung und Getränke (was vermeidbar ist) oder mit der Luft über die Atemwege aufgenommen wurde, durch seine schnelle Ausscheidung aus dem Körper verringert. Der Schutz ist dann am wirksamsten, wenn die Jodtabletten kurz vor oder praktisch gleichzeitig mit dem Einatmen von radioaktivem Jod eingenommen werden. Später als ein Tag nach der Aufnahme des radioaktiven Jods schützt die Einnahme von Jodtabletten nicht mehr; sie ist eher schädlich, weil sich die Verweildauer des radioaktiven Jods in der Schilddrüse erhöht. Auch eine zu frühe Einnahme von Jodtabletten sollte unterbleiben 1). Durch die Jodblockade sollen strahleninduzierte Schilddrüsenkarzinome verhindert werden. Kinder sind hierbei besonders gefährdet.

 Nebenwirkungen und gesundheitliche Risiken der Jodblockade

 Jodtabletten können in seltenen Fällen zu Hautausschlägen, Halsschmerzen, Gewebewassereinlagerungen, Augentränen, Schnupfen, Speicheldrüsenschwellungen und Fieber führen. Personen mit einer Überempfindlichkeit gegen Jod dürfen keine Tabletten einnehmen. Diese und weitere Nebenwirkungen und Risiken sowie auch die Dosierung der Jodzufuhr werden von der SSK 1) beschrieben. Ferner nennt die SSK Fälle, in denen die Jodtabletten nicht eingenommen werden dürfen und Fälle, in denen die Rücksprache mit Ärzten erforderlich ist. Ferner gibt sie Empfehlungen für Schwangerschaftsfälle und für Fälle, in denen bereits eine Erkrankung der Schilddrüse vorliegt.

Aufgrund des geringen Risikos der Karzinombildung durch radioaktives Jod bei älteren Menschen und wegen häufiger Stoffwechselstörungen in der Schilddrüse mit zunehmendem Alter soll die Jodblockade bei über 45Jährigen nicht durchgeführt werden.

Die SSK warnt davor, Jodtabletten aus eigener Veranlassung oder Befürchtung einzunehmen. Wenn die Einnahme tatsächlich erforderlich sein sollte, so wird die betroffene Bevölkerung durch die zuständige Behörde dazu ausdrücklich z.B. durch Rundfunk- oder Lautsprecherdurchsage aufgefordert. Nur die Behörden können aufgrund der Bewertung der Unfalllage die Entscheidung treffen.

 

Als kritischer Betrachter der bisherigen Reaktionen deutscher Behörden auf den Betrieb der grenznahen belgischen Kernkraftwerke gewinnt man den Eindruck, dass weniger der vorbeugende Strahlenschutz als vielmehr politisches Kalkül zur behördlichen Anordnung der Jodtablettenverteilung beigetragen hat.

 

 1) Empfehlung der Strahlenschutzkommission (SSK) vom 24./25.02.2011 „Verwendung von Jodtabletten zur Jodblockade der Schilddrüse bei einem kerntechnischen Unfall“