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Konzept der Bundesregierung zum Kompetenzerhalt in der nuklearen Sicherheit

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Soweit ist es bereits mit Deutschland gekommen, nicht nur nukleare Hightech-Arbeitsplätze und -Forschungsstätten wurden vernichtet, auch die nuklearen Forschungszentren wandten sich neuen, nichtnuklearen Forschungsgebieten zu und Hochschulen kappten ihre Angebote an nuklearen Studiengängen, alles verbunden mit dem spürbaren Niedergang einschlägiger kerntechnischer Kenntnisse. Nun diese Reaktion:

Im letzten Monat legte die Bundesregierung ihr „Konzept zur Kompetenz und Nachwuchsförderung für nukleare Sicherheit“ vor [1] und erfüllte damit den Arbeitsauftrag aus dem Koalitionsvertrag vom 14. März 2018.

Die Abarbeitung einer Verpflichtung oder steckt aufgrund später Einsicht mehr dahinter? Oder doch nur eine Bereitstellung des Erforderlichen? Das Vorwort ist umfassender als der Titel des Konzeptes zunächst vermuten lässt. Dort heißt es:

„Auf lange Sicht werden Kernkraftwerke im europäischen und außereuropäischen Ausland zur Energieversorgung beitragen. Dabei ist in den kom­menden Jahren mit Laufzeitverlängerungen bestehen­der Anlagen und dem Bau neuer Kernkraftwerke, teils auch mit neuen Reaktorkonzepten sowie der Markt­einführung von kleinen modularen Reaktoren und sogenannten Mikroreaktoren, zu rechnen. Es liegt im deutschen Sicherheitsinteresse, weltweite Entwicklun­gen insbesondere im Hinblick auf bestehende und geplante kerntechnische Anlagen im benachbarten Ausland aus fachlicher Sicht zu verfolgen und Einfluss auf die Gestaltung der Sicherheit der Anlagen und den vorsorgenden Notfallschutz nehmen zu können.“

„Breite und Vielfalt ziviler nuklearer Anwendungen steigen, auch jenseits der Stromerzeugung, wie etwa in der Werkstoffprüfung oder der Herstellung von Radiopharmaka. Als Beispiele inter­nationaler Entwicklungen können neue Brennstoffentwicklungen, die Weiterentwicklung der Behandlung von radioaktiven Abfällen und die Nutzung der Neu­tronenstrahlung für Medizin, Radiopharmaka, Industrie und Grundlagenforschung aufgeführt werden. Zu den zentralen Herausforderungen in Deutschland zählt es, als Element der staatlichen Daseinsvorsorge die bereits gewonnene Wissens­ und Erfahrungsbasis aus der über Jahrzehnte betriebenen Forschung und praktischen Anwendung in den verschiedenen Bereichen der nuk­learen Sicherheit für nachfolgende Generationen zu erhalten und angemessen weiterzuentwickeln.“

Im Abschnitt Forschung und Entwicklung wird betont, dass die kontinuierliche staatlich geförderte Forschung und Entwicklung für Erhalt und Weiterentwicklung von technisch­wissenschaftlicher Kompetenz in den sich dynamisch entwickelnden Bereichen der nuklea­ren Sicherheit langfristig essentiell sei. „Der perspektivische Erhalt von Fachwissen und ­Per­sonal für Sicherheitsfragen, die für den Betrieb und Rückbau kerntechnischer Anlagen, für die Zwischen­ und Endlagerung sowie für hierbei relevante Fragen des Strahlenschutzes und der Strahlenforschung zu beantworten sind, ist unverzichtbar. Dies soll den dauerhaften Einfluss Deutschlands auf die nukleare Sicherheit in Europa und weltweit gewährleisten.“

Schöne Worte, die aber reichen bei Weitem nicht. Ein dauerhafter Einfluss lässt sich in dieser Weise nicht aufrechterhalten. Wer in Deutschland könnte aus eigener beruflicher Erfahrung noch über Hochtemperaturreaktoren oder Brüter berichten, über die Mischoxidtechnologie oder die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen, um nur einige Beispiele zu nennen. Die, die es könnten, sind längst im Ruhestand oder bereits verstorben. Dieses Expertenwissen ist stark dezimiert und in Deutschland bald nicht mehr anzutreffen. Aber genau diese und weitere fachlichen Kenntnisse sind erforderlich, um international mithalten zu können.

Um dauerhaft Einfluss mit profunden fachlichen Kenntnissen zu behalten, bedarf es der Eigenentwicklung fortschrittlicher Nukleartechnologien und/oder der Beteiligung an konkreten internationalen kerntechnischen Entwicklungen wie zum Beispiel auf dem Kernkraftwerksgebiet der 4. Generation oder der oben erwähnten Modulreaktoren, den inhärent sicheren Reaktoren kleiner Bauart (Small Modular Reactor/SMR). Blaupausen wie beim Dual-Use-Reaktor helfen nicht weiter solange keine Umsetzung erfolgt und die Machbarkeit erprobt wird.

So aber ist es ein Konzept nach dem Motto „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Wie das Schwimmen lernen ohne Wasser. So notwendig der Kompetenzerhalt auch vorerst ist, wer aber studiert in der Fachrichtung Kerntechnik, wenn es in Deutschland dafür keine Arbeitgeber und keine Arbeitsstätten gibt, wo er sein Wissen in die Praxis umsetzen kann? In einem Land, wo nach dem Ausstiegsbeschluss auch den noch verbliebenen Nuklearanlagen für Anreicherung und Brennelementherstellung politisch versucht wird, den ‚Hahn zuzudrehen’. Mit dem Ausstiegsbeschluss hat die Bundesregierung in der Bevölkerung letztlich zugleich ein Klima geschaffen, in dem es auf Jahre hinaus geradezu unmöglich sein wird, mehrheitlich eine positive Stimmungslage gegenüber allem Nuklearen zu erreichen.

 

[1] https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/konzept-zur-kompetenz-und-nachwuchsentwicklung-fuer-die-nukleare-sicherheit.pdf?__blob=publicationFile&v=6