Privacy Policy Bei Endlagern für radioaktive Abfälle nichts Neues - AG E+U - Die Realisten

Bei Endlagern für radioaktive Abfälle nichts Neues

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Oder: Suchen, um nicht zu finden (FAZ 2008)

Dass die Endlagerung auch von hochradioaktiven Abfällen bei vorurteilsfreier und zielgerichteter Vorgehensweise verantwortungsvoll möglich ist, belegen die Endlagerprojekte in Finnland und Schweden. Deutschland tut sich bereits schwer mit der Endlagerung schwachradioaktiver Abfälle. Abfälle, die in einigen Staaten wie zum Beispiel Frankreich oberirdisch endgelagert werden. In Deutschland sollen sie dagegen in tiefen geologischen Formationen verbracht werden, stapeln sich seit Jahrzehnten aber in Lagerhallen, weil die für die Endlagerung verantwortliche Bundesregierung nicht in der Lage ist, ein Endlager bereit zu stellen, allen politischen Vorsätzen zum Trotz. Die Endlagerungspolitik war wiederholt unser Thema, unter anderem hier, hier, hier und hier.

Unser Gastautor Dr. Dipl. Phys. Hermann Hinsch, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Schachtanlage Asse*) im Bereich der Erforschung zur Endlagerung radioaktiver Abfälle tätig, nahm einen kürzlich in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erschienen Artikel zum Anlass für den nachstehenden Beitrag:

“Das Hauptargument gegen Kernenergie war immer die angeblich ungelöste Endlagerfrage. Nun sorgen vor allem die „Grünen“ dafür, dass das Thema wieder groß in die Medien kommt. Es hieß bei den Kernenergiegegnern immer, sich mit der Frage der Endlagerung zu befassen hat erst dann Sinn, wenn alle Kernkraftwerke abgeschaltet sind und damit kein neuer Abfall dazu kommt. Dieser Zeitpunkt ist nun in Deutschland gekommen und wird gefeiert.

Aber ein leichtes Unwohlsein bleibt. Im Gegensatz zur Klimahysterie zieht bei der Strahlenhysterie die übrige Welt nicht mit. Zwar gibt es überall Strahlenhysteriker, aber in den meisten Ländern sind sie eine Minderheit. So sind z.B. im japanischen Parlament etwa 100 Abgeordnete verschiedener Parteien strikt gegen Kernenergie, aber über 500 Abgeordnete sind dafür oder jedenfalls neutral. In Finnland ist die Mehrheit der Bevölkerung für Kernenergie.

Dort geht nun bald der Kernkraftblock Olkiluoto 3 ans Netz, mit 1,6 GW. Neue Reaktoren gibt es auch anderswo, den koreanischen Reaktor Shin-Kori 4 (1,34 GW), die chinesischen Blöcke Sanmen 1 und 2 (je 1 GW), den russischen Leningrad II-1 (1,085 GW).

Im August 2020 ging in den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) der Reaktor Barakah 1 ans Netz und im September 2021 Barakah 2 mit je 1,4 GW. Warum macht ein Land mit so viel Sonne, Öl und den fünftgrößten Erdgasreserven der Welt so etwas? Die Sonne hilft auch dort nur tagsüber. Elektrische Energie erzeugen ganz überwiegend Gaskraftwerke. Aber die Kilowattstunde aus einem Kernkraftwerk kostet nur ein Viertel gegenüber einer mit Gas erzeugten!

Zurück nach Deutschland: Hier werden umgekehrt Kernkraftwerke durch Gaskraftwerke ersetzt.

Etwas noch Wichtigeres läuft in den Emiraten genau entgegengesetzt wie bei uns. Wir beurteilen Orientalen falsch, da wir nur die hier eingewanderten Flops sehen. Intelligente Leute finden auch dort ihr Auskommen. Allerdings hapert es oft an der Ausbildung. Noch hat man im nuklearen Bereich viele Ausländer nötig. Sogar in der Überwachungsbehörde, welche die UAE natürlich aufbauen musste, stammen 33 % des Personals von anderswo. 29 verschiedene Nationalitäten sind vertreten. Nicht nur in dieser Behörde, sondern in der ganzen Kerntechnik wird angestrebt, langfristig die Ausländer durch Einheimische zu ersetzen. Auf allen Ebenen, von den Universitäten abwärts, werden Einheimische ausgebildet.

Über den Nuklearsektor hinaus bedeutet technische Bildung, dass das Land dann kompetente Menschen für alles hat, die unsere Zeit verstehen können.

Hier in Deutschland sind die meisten Studenten für Fächer außerhalb von MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) eingeschrieben. Die Nicht-MINT-Fächer haben ihre Berechtigung. Es ist in ihnen aber möglich, im Gegensatz zu MINT, die Anforderungen beliebig zu senken. So kann man z.B. über einen kaum bekannten Dichter etwas zusammenschreiben, das kaum jemanden interessiert, und bekommt den Doktortitel. Um Dr. Ing. zu werden, muss man dagegen etwas zustande bringen, das Hand und Fuß hat und möglicherweise von allgemeinem Nutzen ist.

Können Leute, die schon mit den Grundrechenarten Schwierigkeiten haben, an Energiefragen beteiligt werden? Aber ja, sagen die „Grünen“. Solche Leute müssen dafür sogar Geld bekommen, wie die sogenannte „Asse-Begleitgruppe“. Oder aus einer Stellungnahme des BUND (Stellungnahme 17/2708 an den Landtag Nordrhein-Westfalen, 17. Wahlperiode:

„Umweltverbände und Anti-Atom-Initiativen müssen finanziell so ausgestattet werden, dass sie Anwält*innen und Gutachter*innen in den Begleitprozessen finanzieren können. (Gleiche Augenhöhe)“

Auf diese Art wird die Endlagerung eine unendliche Geschichte, und das soll sie ja auch werden. Allein die Suche nach einem Standort wird mindestens bis 2031 dauern, sagt Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ)**) vom 31.12.2021. Herr König muss es ja wissen, er ist von Beruf Gartenbauer! (Anm.: Dipl.-Ing. der Fachrichtung Architektur und Stadtentwicklung)

Worum geht es überhaupt bei radioaktiven Abfällen? Sind die gefährlich? Ich habe das in meinem Buch über die Asse dargestellt. Sie werden hin und her transportiert und gerade die Hochaktiven stehen an der Oberfläche. Nein, in der ganzen Welt seit einem halben Jahrhundert ist durch diese Abfälle niemand zu Schaden gekommen, jedenfalls nicht durch Strahlung. Mit der Gefährlichkeit von Fahrrädern nicht zu vergleichen. Halt, bei geduldigem Suchen im Internet findet man doch einen Unfall, hervorgerufen durch unglaublichen Leichtsinn. Es starben ein Mann und sein Hund (Estland, Tammiku, 1994).

Wenn also das Brennelement-Zwischenlager Gorleben mit etwa 2,5∙1019 Becquerel Aktivität über der Erde vom Standpunkt der Gefährlichkeit mit Null bewertet werden kann, wie ist dann die Gefahr durch die in der Asse tief unter der Erde liegenden Abfälle (3,8∙1015 Bq) zu beurteilen, d.h. was ist ein Zehntausendstel von Null? Eine ganz unheimliche Gefahr, der man mit einem Milliardenaufwand begegnen muss! So haben alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages gestimmt, damals noch ohne die AfD.”

 

*)Die Anlage Asse, ein ehemaliges Salzbergwerk, wurde seit 1965 im Auftrag des Bundes von einer Forschungseinrichtung betrieben, die anfänglich Gesellschaft für Strahlenforschung mbH (GSF) hieß und nach mehreren Namensänderungen jetzt als Helmholtz Zentrum München (HMGU) firmiert.

**) HAZ-Interview mit Endlager-Experte König: „Nicht auf Schacht Konrad verzichten“

Wolfram König wacht über die Suche nach einem atomaren Endlager. Wir (HAZ) haben mit ihm über die immer wiederkehrenden Konflikte und Hindernisse beim Umgang mit Atommüll gesprochen.