Privacy Policy Fukushima – ein Grund für den Atomausstieg? - AG E+U - Die Realisten

Fukushima – ein Grund für den Atomausstieg?

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Die Reaktorkatastrophe von Fukushima war für die Bundeskanzlerin Angela Merkel der Anlass, aus der Kernenergienutzung bis Ende 2022 auszusteigen. Wie geht Japan mit der Katastrophe in seinem Land um?

Anlässlich des zehnjährigen Gedenktages an diese Katastrophe im März 2021 wertete Dr. Hermann Hinsch die Internetausgabe japanischer Zeitungen aus. Hier sein Bericht:

Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit- das sind die Epochen der Menschheitsgeschichte. Im letzten Jahrhundert glaubte man, als neue Epoche käme die Uranzeit, mit völlig neuen Möglichkeiten. So steht es in einem Chemiebuch von 1956:

„Es ist damit zu rechnen, dass die auf diese Weise ermöglichte Ausnutzung der Atomenergie, deren wirtschaftliche Nutzbarmachung heute bereits in Angriff genommen worden ist, Probleme lösbar macht, die sich mit den früher zur Verfügung stehenden Energiequellen überhaupt nicht bewältigen ließen.“ (H. Remy, Grundriss der anorganischen Chemie).

„Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt“ (Wilhelm Busch). Statt Uran brachte Silizium, d.h. die darauf aufgebaute Halbleitertechnik, uns Menschen phantastische Möglichkeiten, an die früher gar nicht zu denken war.

Wir hier in Deutschland sind in der Silizium-Zeit nicht angekommen, obwohl es Versuche gab. „Digitalisierung“ bedeutet hier, erst einmal Chips and anderes in Ostasien und USA einzukaufen. Unsere Situation ist wie die der Indianer. Eisen konnten sie nicht gewinnen und verarbeiten, hatten aber trotzdem einiges Eisengerät erhandelt gegen Biberfelle. Immerhin macht man sich in unserem Wirtschaftsministerium wegen dieser Situation ein wenig Sorgen.

Was wäre, wenn aus Uran doch noch was wird? Da sind sich Politik und Medien einig: Das darf auf keinen Fall geschehen. Das Mittel gegen Kerntechnik: Strahlenhysterie erzeugen. Dazu dienen unter anderem die Ereignisse im Kernkraftwerk Fukushima I im März 2011. Man bemüht sich, den dortigen Mangel an Strahlentoten mit Tsunami-Toten auszugleichen. Meine Enkeltochter brachte aus der Schule mit: „Da gab es einen schlimmen Unfall in einem Atomkraftwerk. Viele Tausend Menschen sind gestorben“. „Aber das war doch durch den Tsunami.“ „Opa, was ist ein Tsunami, davon hat meine Lehrerin nichts gesagt.“ Nicht direkt gelogen hat die Hannoversche Allgemeine Zeitung am 13.04.2021, möchte den Lesern aber doch suggerieren, die Toten hätten etwas mit dem Kraftwerk zu tun:

„wurde das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi von 20 Meter hohen Wellen eines Tsunamis überschwemmt.

Beinahe 20.000 Menschen starben damals in den Fluten.

In drei von sechs Reaktorblöcken kam es zur Kernschmelze“

Dazu werden dann noch Strahlentote und Strahlenkranke erfunden, welche die Weltgesundheitsorganisation und UNSCEAR (United Nations Scientific Commitee on the Effects of Atomic Radiation) aber nicht finden konnten.

Wie stellen nun Japanische Zeitungen die Ereignisse dar? Zunächst: Sie sind nicht gleichgeschaltet. 2 große Tageszeitungen schreiben in ihren Leitartikeln für Kernenergie, eine ist im Prinzip dafür, kritisiert die derzeitigen Betreiber aber heftig, 2 sind gegen Kernenergie. Eine der letzteren ist „Asahi Shimbun“ (Morgenzeitung), zweitgrößte Zeitung Japans und der Welt. Sie hat eine Internetausgabe in Japanisch und daneben auch in englischer Sprache, was aber keine Übersetzung der japanischen Internetausgabe ist. Letztere hat einen viel größeren Umfang und auch andere Schwerpunkte.

In der Internetausgabe in japanischer Sprache wurden am 11. März 2021 insgesamt 40 Beiträge „10 Jahre nach dem Tsunami“ gebracht. In Deutschland ist der 11. März der Fukushima-Tag, wobei es nicht um den Regierungsbezirk Fukushima geht, sondern allein um das havarierte Kraftwerk dieses Namens.

Wie sieht das nun in einer Zeitung aus, die zwar für die Stilllegung aller japanischen Kernkraftwerke eintritt, aber in gar keiner Weise die Bezeichnung „Lügenpresse“ verdient?

Zunächst brachte die Zeitung die Zahlen der Opfer. Am schlimmsten hat es den Regierungsbezirk Miyagi getroffen, der nördlich an den Bezirk Fukushima grenzt. Als indirekte Opfer werden Fälle gezählt, bei denen Menschen erst später an Verletzungen gestorben sind, und auch Selbstmorde. Die Zeitung erklärt nicht, warum Fukushima die wenigsten direkten und die meisten indirekten Todesfälle hat.

Wovon handeln die 40 Beiträge? Vom Gedenken an die Toten. Das Wort „Radioaktivität“ kommt kein einziges Mal vor, das Unglück im Kernkraftwerk wird in 35 von 40 Beiträgen nicht erwähnt. Es gibt ja auch wenig zu berichten. Dagegen waren Erdbeben und Tsunami schrecklich.

In einem Tempel in Otsuchi (Reg. Bez. Iwate) kamen etwa 100 Personen für eine Trauerfeier zusammen, etwas eingeschränkt wegen der Corona-Regeln. Dem Reporter fiel ein 17-jähriges Mädchen auf, nicht ganz passend angezogen für diese Veranstaltung, nämlich in Sportkleidung (die mittlere Person im Bild). Sie wäre Schülerin und käme gerade von einer Ballettübung, wollte aber unbedingt dabei sein. Bei der Tsunami- und Erdbebenkatastrophe ist ihre Mutter ums Leben gekommen, ihre beiden damals noch sehr kleinen jüngeren Schwestern und eine Urgroßmutter.

An einem Strand stand ein 15-jähriges Mädchen mit einem Strauß Chrysanthemen. Sie glaubte, ein gutes Gefühl ihren Vorfahren gegenüber würde ihr helfen, bevorstehende Prüfungen zu bestehen. Sie ehrte hier die beiden Großeltern väterlicherseits, an die sie sich selbst kaum erinnerte. Die Großeltern hatten in der Nähe gewohnt und wurden offensichtlich ins Meer gespült. Sie wurden nie gefunden. So warf das Mädchen eine Chrysantheme nach der anderen ins Meer. Sie hatte gehört, die Großeltern wären dem Alkohol gegenüber nicht abgeneigt gewesen. Daher goss sie noch den Inhalt einer Bierdose ins Meer.

Am 11. März wurden überall Gedenkfeiern abgehalten, Gedenkstätten eingeweiht, Tafeln mit oft mehreren hundert Namen von Opfern enthüllt, Bäume gepflanzt. Nichts davon hatte irgendetwas mit dem Unfall des Kernkraftwerks zu tun. Die Teilnehmer solcher Feiern konnten schreckliche Geschichten erzählen. Jemand blieb an seinem Arbeitsplatz verschont, während seine Frau und seine Tochter zu Hause ertranken. Und umgekehrt, der Mann und Vater kam ums Leben, oft im Katastropheneinsatz. Feuerwehrleute verhalfen anderen zur Flucht, schlossen Fluttore, bis sie selbst ertranken.

Mit Erdbeben und Tsunamis hatte man immer gerechnet. Erhöhte Stellen waren als Fluchtorte gekennzeichnet. Aber sehr oft waren diese nicht hoch genug, und die Leute mussten auch dort sterben.

Hier in Deutschland wird behauptet, die Betreiber der Kernkraftwerke hätten leichtsinnig gehandelt, indem sie nur Vorsorge gegen Wellen bis 6 m Höhe trafen. Aber nirgends an der Küste von Ostjapan hatte man mehr getan. Seit Menschengedenken war das ausreichend gewesen. Anderswo gab es höhere Tsunamiwellen, aber an dieser Küste galt das als ausgeschlossen, was mir auch hier in Deutschland eine Meeresgeologin bestätigte.

Nun aber doch zum Kernkraftwerk. Im 6. Beitrag wird berichtet, was der Präsident von TEPCO zu den Folgen des Unfalls im KKW zu sagen hat: „Wir werden gegenüber der großen Zahl von Menschen, die in der Umgebung des KKW zu leiden haben, unsere Verpflichtungen erfüllen.“ Konkrete Maßnahmen werden nicht erwähnt.

Im 13. Beitrag kommt der Vorsitzende der Partei „Rikken Minshuto“ (Demokratische Partei), Herr Yukio Edano, zu Wort: „Nach den Ereignissen vor 10 Jahren sollte die Kernenergie nicht wieder aufblühen, sondern allmählich beendet werden. Die letzten 10 Jahren haben gezeigt, dass die japanische Gesellschaft ohne Kernenergie auskommt. Auch die Standorte der Kernkraftwerke sind nicht mehr von diesen abhängig.“

Die Situation der Kernindustrie ist besonders deshalb schwierig, weil der Vorsitzende der Kontrollbehörde, zuständig für Genehmigungsverfahren, gegen Kernenergie ist.

Dessen Ansichten werden im 18. Beitrag wiedergegeben: „Sicherheit ist ein Mythos, Wiederbelebung darf nicht sein.“ Offenbar darf er aber bei den derzeitigen politischen Mehrheiten Anträge auf Wiederinbetriebnahme nicht einfach ablehnen. Er sagt aber, alle bisher eingereichten Unterlagen würden nicht ausreichen, heute müssten weit strengere Maßstäbe angelegt werden.

Im folgenden Beitrag äußert sich der Wirtschaftsminister, sehr vorsichtig. Er ist für Kernenergie, sagt aber, höchste Priorität hätte immer die Sicherheit. Bis zum Jahr 2050 will er die Dekarbonisierung des Landes erreichen Auf den Zusammenhang zwischen Kernenergie und Kohlendioxideinsparung geht er nicht ein, aber es ist ja bekannt: Für die Kernindustrie ist das ein gefundenes Fressen.

Im 34. Beitrag wird über eine Online-Konferenz von Abgeordneten des Parlaments berichtet, die gegen Kernenergie sind. Diese haben eine parteiübergreifende Vereinigung gegründet mit dem Namen „Genhatsu Zero“ (Null Kernenergie). Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch ein Abgeordneter der heute regierenden Partei Jiminto, ein Herr Kondo, der sich jetzt aber zurückgezogen hat.

Insgesamt sind es etwa 100 Abgeordnete aus 5 Parteien. Im Parlament sitzen 674 Abgeordnete.

Jeden Donnerstag werden Hearings und anderes veranstaltet.

Die sonstigen Aktivitäten der Organisation:

  • Ein Ranking der Gefährlichkeit aller Kernkraftwerke des Landes wird ständig aktualisiert
  • Gesetze zum Ausstieg aus der Kerntechnik werden vorgeschlagen.
  • Den örtlichen politischen Institutionen werden Vorschläge gemacht, wie sie gegen KKWs vorgehen könne
  • Das von der Regierung beschlossene Übereinkommen zwischen Japan und Indien über den gemeinsamen Ausbau der Kerntechnik wird angegriffen.

„Genhatsu Zero“ wurde nicht nach dem Unfall im KKW Fukushima gegründet, sondern schon vor 12 Jahren. Nach dem Unfall hat diese Vereinigung aber einen richtigen Aufschwung erlebt.

Man sieht, im Reich der Ideologien hat der Unfall im KKW Fukushima großen Schaden angerichtet. Nicht so in der Wirklichkeit. „Asahi Shimbun“, gegen Kernenergie eingestellt, hätte sicher gern über Strahlengeschädigte berichtet. Einen hat sie tatsächlich gefunden. Davon handelt der letzte Beitrag.

In der Stadt Namie, 8 km von dem havarierten KKW entfernt, gibt es eine Lokalzeitung mit langer Tradition. Namie wurde wegen der Strahlenbelastung evakuiert. Erst vor 4 Jahren durften die Bewohner zurückkehren und der Zeitungsverlag seinen Betrieb wieder aufnehmen. Aber der Inhaber, Herr Suzuki (37) klagt: Die Auflage erreicht nur einen Bruchteil der früheren vor dem Unfall, und er macht sich wenig Hoffnung, dass die Zeitung einmal wieder die alte Bedeutung zurückerlangt.

Soweit „Asahi Shimbun“. Wir sehen, Herrn Suzuki ist wirklich ein Schaden entstanden. Aber die Evakuierung war vermutlich unnötig, und so ist er kein Strahlenopfer, sondern ein Opfer übertriebener Strahlenschutzmaßnahmen. (Ende des Berichtes)

Nach Information des Schweizer Nuklearforums vom 5.2.2021 wurden “seit dem Fukushima-Unfall neun der 60 japanischen Atomreaktoren wieder in Betrieb genommen. Die Stromversorger drängen jedoch auf einen Neustart und der Vorstoss in Richtung Null-Emissionen hat ihnen ein neues Argument geliefert. Eine Analyse des Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie zeigt, dass es schwierig sein wird, mehr als 60% des japanischen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken. Viele Experten halten selbst das für ambitioniert. In einem Interview mit der Financial Times sagte Japans Industrieminister Kajiyama, er glaube, dass die Kernenergie unverzichtbar sein wird.”