Mit diesem Slogan warnte der langjährige Sprecher des Deutschen Atomforums Manfred Petroll bereits in 1998 vor der Abkehr von der Kernenergie, die den wirtschaftlichen Wohlstand und die technologische Führungsposition Deutschlands gefährden würden. Heute, 28 Jahre später zeigt sich, wie recht er hatte. Sein damaliges Eintreten und seine Argumente für die Kernenergie haben noch heute unverändert Gültigkeit:
„Uran ist zu sonst nichts nütze – außer zur Stromerzeugung.
Uran ist ein Energiestoff: Er enthält Energie; er ist jedoch kein Rohstoff, im Unterschied etwa zu den fossilen Energieträgern Stein- und Braunkohle, Mineralöl und Gas. Diese sind, abgesehen davon, dass man sie auch verbrennen kann, gleichzeitig wertvolle Ausgangsstoffe für Produkte der Chemie und Pharmazie. Öl und Gas stellen knappe Ressourcen dar. Unsere Kinder und Kindeskinder würden wahrscheinlich gerne auf diesen Rohstoffschatz zurückgreifen, vorausgesetzt wir hinterlassen ihn. Die Kohlevorräte reichen viel länger als die von Öl und Gas. Aber die Nutzung fossiler Energieträger heizt die Klimaproblematik weiter an. Also sollten wir Uran verbrauchen, wofür es gut ist, und die anderen Energie(roh)stoffe unserer Nachwelt vererben. Kernenergie bedeutet einen Beitrag zur Schonung von Ressourcen.
Deutsche Kernkraftwerke verursachen äußerst geringe Emissionen.
Deutsche Kernkraftwerke haben heute einen so hohen technischen Stand erreicht, dass sie im Normalbetrieb fast emissionsfrei sind. Sie geben kein Schwefeldioxid und keine Stickoxide ab. Sie emittieren auch kein Kohlendioxid, das in fossil befeuerten Kraftwerken zwangsläufig entsteht, und dessen Rückhaltung technisch unmöglich ist und auf absehbare Zeit auch bleibt. Die Rückhaltung radioaktiver Stoffe ist in Kernkraftwerken soweit perfektioniert worden, dass ihre Emissionen geringer sind als die – ebenfalls vernachlässigbare – Abgabe von Radioaktivität aus Kohlekraftwerken. Kernenergie lohnt sich – sowohl betriebs- als auch volkswirtschaftlich. Die Elektrizitätsversorgungsunternehmen betreiben Kernkraftwerke nicht aus ideologischen Gründen oder irgendeiner metaphysischen Vorliebe für das Spalten von Atomen, sondern weil es sich wirtschaftlich lohnt. Wäre das anders, wäre der Bau von Kernkraftwerken unterblieben. Darüber hinaus lohnt es sich nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch volkswirtschaftlich.
Kernenergie ist ein Beitrag nicht nur zur Wettbewerbsfähigkeit,
sondern auch zur Versorgungssicherheit. Kernenergie ist eine quasi heimische Energie. Das klingt, da wir Uran einführen, zunächst paradox. Aber: Uran ist eine sehr ‚dichte‘ Energiequelle: Kernenergie ist der Kern der Energie! Ihre Energiedichte ist zwei- bis dreimillionenmal so hoch wie die von Kohle und Erdöl. Deswegen lässt sich ein großer Energievorrat in Form von Uran kostengünstig auf kleinem Raum lagern. Das geschieht auch: Die ‚Bevorratungsreichweite‘ beträgt in Deutschland (in 1998!) wenigstens vier Jahre und könnte auch noch gesteigert werden. Von einer Anfälligkeit von äußeren politischen Störmanövern bei der Uranversorgung kann deshalb keine Rede sein. Derartige Zeiträume sind für Erpressungsversuche völlig untauglich. Und deshalb ist Kernenergie quasi heimisch.
Kernenergie hier hilft der dritten Welt dort.
Bei wachsender Weltbevölkerung wird der Energieverbrauch insgesamt steigen. Die Länder der dritten Welt sind arm und energiehungrig. Sie werden ihre Armut nur lindern können, wenn man ihnen einen größeren Anteil am Energieverbrauch zugesteht. Sie sind zudem vorrangig auf die leichter handhabbaren und vielseitig einsetzbaren Energieträger Öl und Gas angewiesen. Für die Industrieländer heißt das: Öl und Gas sparen, um eine mengenmäßig ausreichende Versorgung der Entwicklungsländer zu gewährleisten und einem Preisanstieg für Öl und Gas entgegenzuwirken. Kernenergie in den Industrieländern hilft mittelbar der dritten Welt.
Kernenergie macht die Zukunft vorhersehbarer.
Importe von Öl, Gas und Kohle kosten viel Geld. Niemand weiß, wie teuer diese Energieträger in dreißig Jahren einmal sein werden. Das trifft zwar auch auf Uran zu, aber: Die Erzeugungskosten von Strom aus fossilen Kraftwerken und Kernkraftwerken unterscheiden sich in ihrer Struktur. Die Rollen von Investitionskosten und Brennstoffkosten sind vertauscht. Bei einem Kernkraftwerk betragen die Kosten für den Brennstoff nur etwa ein Fünftel, wohingegen sie bei einem Steinkohlekraftwerk zwei Drittel ausmachen. Das bedeutet, dass, wenn ein Kernkraftwerk erst einmal in Betrieb gegangen ist, Veränderungen des Brennstoffpreises nicht mehr stark zu Buche schlagen. Bei fossil befeuerten Kraftwerken ist das Gegenteil der Fall. Kernkraftwerke machen somit den Strompreis ‚robust‘ gegenüber unkalkulierbaren Einflüssen von Weltenergiemärkten. In diesem Sinne macht Kernenergie die Zukunft überschaubarer.“
Zu seinem damaligen Text sagt Petroll heute:
Die Folgen des Ausstiegs betreffen in erster Linie den Stromsektor der Gesamtenergieversorgung: Letztes Jahr wurden in Deutschland 440 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Davon entfielen 62 % auf kohlendioxidfreie erneuerbare Energien (Wind, Solar, Biomasse, Wasser). Der Rest wurde mit fossilen Energieträgern erzeugt: 22,4 % mit Kohle, 13,5 % mit Erdgas.
Der entscheidende Fehler der Energiepolitik war ein Entweder-Oder statt Sowohl-als-Auch: sowohl erneuerbare Energien als auch Kernenergie! Kernkraftwerke könnten heute etwa ein Viertel der Stromerzeugung – vor allem in der Grundlast (= Strom rund um die Uhr) –beitragen. Damit würde der allergrößte Teil des Stroms kohlendioxidfrei erzeugt.
Die Energieversorgung eines Landes muss sich an drei Kriterien messen lassen: U, V und W. U steht für Umweltfreundlichkeit, V für Versorgungssicherheit und W für Wirtschaftlichkeit. In allen drei Hinsichten ist die deutsche Situation heute ‚suboptimal‘:
– Umweltfreundlichkeit: Ein Drittel des Stroms wird in Deutschland immer noch in fossilen Kraftwerken (mit Kohle und Gas) erzeugt. Das verschlechtert die Kohlendioxid-Bilanz.
– Versorgungssicherheit: Deutschlands Gasversorgung ist in hohem Maße vom Ausland abhängig und deshalb den Schocks auf dem Weltmarkt und politischen Erpressungen ausgesetzt.
– Wirtschaftlichkeit: Die deutschen Strompreise gehören zu den höchsten weltweit. Sie sind für manche Industriezweige kaum noch tragbar. Das ist ein Faktor der Deindustrialisierung.
Ohne den Ausstieg aus der Kernkraft würde Deutschland heute besser dastehen: Die Stromversorgung wäre umweltfreundlicher, wirtschaftlicher und robuster gegen externe Schocks.
Die deutsche Kerntechnik wurde in über vier Jahrzehnten entwickelt und hatte sich, was Zuverlässigkeit und Sicherheit anlangt, eine internationale Spitzenstellung erarbeitet. Die technischen Betriebsleiter der Kernkraftwerke gehörten zur Elite deutscher Ingenieure. Usw. …
Dann wurde dieser ganze Wirtschaftszweig politisch zerstört. Der Ausstieg aus der Kernkraft ist ein (extremes) Beispiel, wie deutsche Politik mit den Talenten, der Leistungsfähigkeit und Schaffenskraft der Menschen in Deutschland umgeht: Sie verbietet, behindert, erschwert und verschwendet. Deutschland nutzt das Potential seiner Menschen nur mangelhaft. Das ist einer der tieferen Gründe für den Abstieg Deutschlands, den wir erleben. Und dafür sind keineswegs nur Grün und Rot verantwortlich.
PS: Die Presse meldet, dass Bundeswirtschaftsministerin Reiche Ausschreibungen für den Zubau neuer Gaskraftwerke auf den Weg bringen will. Dabei geht es um zwölf Gigawatt Kraftwerksleistung. – Ich ergänze: Das entspricht der Leistung von zehn Kernkraftwerken.