Ohne Nuklearforschung verliert Deutschland nuklearwissenschaftliche Souveränität

Sprengung des dritten Kühlturmes des KKW Biblis

Deutschland ist mit seinem vollständigen Ausstieg aus der Kernenergie in der EU inzwischen mehr oder weniger ein Außenseiter. Selbst Staaten, die schon aus der zivilen Kernkraft-Nutzung ausgestiegen waren, kehren wieder zurück oder denken darüber nach. Nicht Deutschland. „Es war eben ein schwerer strategischer Fehler, aus der Kernenergie auszusteigen“(Merz)[1], aber es werden daraus keine Konsequenzen gezogen.

Im Jahr 2026 nutzen 12 der 27 EU-Mitgliedstaaten Kernenergie zur Stromerzeugung: Frankreich (mit 57 Kernkraftwerken bei 65 bis 70 % Stromanteil), Belgien, Bulgarien, Finnland, Niederland, Rumänien, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn.

Neubauten und Planung: Während derzeit vor allem in Frankreich und der Slowakei neue Reaktoren im Bau sind, plant Polen den Einstieg in die Kernenergie und beabsichtigt, 2026 mit dem Bau seines ersten Kraftwerks zu beginnen. Italien hat den Wiedereinstieg in die Kernenergie angekündigt, Dänemark forscht auf dem Gebiet kleiner Reaktoren.

Eine Nuklearallianz von 14 EU-Staaten (darunter auch Länder ohne eigene Kraftwerke wie Kroatien, das Miteigentümer eines slowenischen Werks ist) setzt sich aktiv für den Ausbau der Kernkraft ein, um Klimaziele zu erreichen.

Im Koalitionsvertrag der 21. Legislaturperiode wird die Kernenergie hingegen im Zusammenhang mit der Stromerzeugung nicht für eine Rückkehr vorgesehen. Die Koalition bekennt sich zwar zur Forschung neuer Energietechnologien und nennt die „Kernfusion als saubere und sichere Energiequelle der Zukunft“, die zu fördern sei. Expressis verbis findet die nukleare Forschung zu Reaktoren der Generation IV keine Erwähnung im Vertrag, lediglich in unverbindlichen Berichten war die Rede davon.

Wie kontrovers das Kernenergiethema hierzulande noch diskutiert wird, zeigte sich jüngst, als Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sowohl vom Koalitionspartner SPD als auch den Grünen und Umweltschützern kritisiert wurde, nachdem sie an einem Treffen Kernenergie befürwortender EU-Staaten teilgenommen hatte [2].

Deutschland ist mit seiner antinuklearen Haltung auf dem Weg, sich aus dem Kreis der Industriestaaten zu verabschieden. Die industrielle nukleare Kompetenz schrumpft (siehe Kraftwerksunion KWU). Auch das Fachwissen in Kernenergietechnik wird abnehmen, übrig bleiben – vorrübergehend – die Stilllegung der Kernkraftwerke und die Endlagerungslogistik, womit Deutschland sich schon seit Jahren schwer tut.

Deutschland muss sich im Klaren darüber sein, dass ein kompletter nuklearer Wissensabbruch faktisch irreversibel über Jahrzehnte sein kann. Ohne eigene nukleare Expertise spielt Deutschland im internationalen Konzert bestenfalls nur die zweite Geige und wird zudem abhängig von Bewertungen anderer Staaten, wenn es um Regulierungen, Sicherheitsbewertungen und Rückbau geht. Denn auch dazu ist Forschungswissen erforderlich. Deutschland wird seine nuklearwissenschaftliche Souveränität einbüßen.

Aus Sicht der Generationengerechtigkeit, die Kernenergieoption zumindest forschungsseitig offen zu halten, auch wenn man sie politisch aktuell nicht nutzen will, kann als Verantwortung gegenüber zukünftiger Generationen interpretiert werden. Und sollten sich, was zu befürchten ist, erneuerbare Energien, Speicher und Netze nach dem Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen nicht schnell genug die sichere Stromversorgung aufrechterhalten, oder extreme Wetterereignisse die Versorgung destabilisieren, wäre die Kernenergie die einzige in der Grundlast verlässliche, zudem CO2-arme Backup-Option.

Eine realistische Perspektive für eine sichere, wirtschaftlich konkurrenzfähige, großflächige Stromerzeugung aus Fusionskraftwerken ist derzeit spekulativ. Fortschritte bleiben möglich, aber mit erheblichem zeitlichen Spielraum und Unsicherheiten. Bisherige Zeitprognosen haben sich alle als falsch erwiesen.

Es wäre im Sinne der Generationsgerechtigkeit dringend erforderlich, sich bei internationalen Aktivitäten in Forschung und Entwicklung im Kernenergiebereich mit kommerzieller Anwendungen einzubringen. Hier ein kompakter Überblick der Forschungsaktivitäten:

Neue Kernkraftwerks-Technologien

  • Verbesserung von Effizienz und Optimierung in Sicherheit und Lebensdauer von Druckwasserreaktoren (DWR) und Siedewasserreaktoren (SWR)
  • Entwicklung sogenannter Generation IV-Reaktoren mit passiver Sicherheit
  • Entwicklung kleiner modularer Reaktoren (SMR) mit Fokus auf inhärente Sicherheit
  • Entwicklung von Flüssigsalzreaktoren (MSR) mit Fokus auf Sicherheit, Abfallmanagement und Brennstoffeffizienz
  • Entwicklung eines Dual-Fluid-Reaktors (DFR), er nutzt flüssigen Brennstoff (Chlorsalze oder Metall) in einem separaten Kreislauf zur Wärmeerzeugung und flüssiges Blei zur Kühlung.
  • Entwicklung von Hochtemperaturreaktoren, z.B. Kugelhaufenreaktor
  • Transmutation zur Verringerung langlebiger radioaktiver Abfälle

Kernbrennstoff-Innovationen

  • Entwicklung der Kernbrennstoffe für neue Reaktortypen,
  • Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen, Rezyklierung von Kernbrennstoffen, Brennstoff-Kreislauf-Optimierung,
  • Entwicklung von Hochleistungsbrennstoffen

Kernpunkte der Internationalen Energieagentur zur Kernenergie:

Renaissance & Wachstum: Für 2025 wird ein Rekordniveau der Stromerzeugung aus Kernkraft erwartet. Die weltweite Kernenergieerzeugung könnte laut Szenarien bis 2050 um ca. 40% (Stated Policies) bis hin zu einer Verdopplung (Net Zero) steigen.

Investitionen: Die Ausgaben für neue Kernkraftwerke und Modernisierungen stiegen in den letzten fünf Jahren um 50 % und sollen 2025 die Marke von 70 Milliarden US-Dollar übersteigen.

Rolle im Energiemix: Kernkraft wird als wesentliche, CO₂-arme Ergänzung zu erneuerbaren Energien (Wind/Solar) gesehen, insbesondere für die Absicherung der Grundlast und Versorgungssicherheit.

Herausforderungen: Die IEA benennt hohe Investitionskosten, lange Bauzeiten, finanzielle Risiken sowie Abhängigkeiten in der Brennstoffversorgung als kritische Faktoren.

Technologie: Der Fokus liegt neben dem Ausbau bestehender Großanlagen auf der Entwicklung kleiner, modularer Reaktoren (SMRs) für mehr Flexibilität.

Geografie: Der Ausbau wird primär von China, Russland und Indien vorangetrieben, während Europa eher auf die Modernisierung bestehender Anlagen setzt.

 

[1] https://www.bild.de/politik/inland/merz-schwerer-strategischer-fehler-aus-der-kernenergie-auszusteigen-6968bdbd29d7700ee8582b9a

[2] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/atomkraft-reiche-100.html