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Von einer Abhängigkeit in die Nächste

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Wenn die letzten Monate etwas gezeigt haben, dann, dass Krieg, Abhängigkeiten und Wirtschaftskrise gnadenlos energiepolitische Fehlentscheidungen der letzten zwei Jahrzehnte erkennbar gemacht haben. Klimaschützer und ihre politischen Verbündeten haben das subventionsgetriebene Wachstum erneuerbarer Energien mit Beweisen dafür verwechselt, dass die Welt bereit ist, schnell auf fossile Brennstoffe zu verzichten. Kohle, Öl, Kernenergie und letztlich auch Gas wurden erst die gelbe und bald die rote Karte gezeigt. Die Weltwirtschaft ist hingegen noch sehr weit davon entfernt, fossile Brennstoffe vollständig zu ersetzen.

Zudem: Inflation, Energieknappheit und steigende öffentliche Defizite dürften auch dem lockeren Geld und der expansiven Fiskalpolitik der letzten Jahrzehnte ein Ende setzen. Die Aussicht, dass die großzügigen Subventionen, die die Energiewende vorantreiben, zurückgefahren werden könnten, wird die Behauptung auf die Probe stellen, dass Wind- und Solarenergie in vielen Regionen erfolgreich mit fossilen Brennstoffen konkurrieren können.

Nur drei Monate nach dem UN-Klimagipfel in Glasgow sind die Emissionszusagen der großen europäischen Volkswirtschaften vorerst Makulatur. Fragen der Energiesicherheit sind in den Vordergrund getreten: Zuverlässigkeit der Energie für Wärme in einem kalten Winter? Wie Versorgungssicherheiten schaffen ohne in neue Abhängigkeiten zu geraten, um extreme Störungen durch geopolitische Ereignisse zu vermeiden? Wie den Anstieg der Energiekosten bremsen?

Mit dem Ausstieg aus der CO2-emisionsfreien Kernenergie, mit dem beabsichtigten Ende des Kohleeinsatzes und dem Verbot der Schiefergasförderung durch Fracking aus Umweltgründen, geriet Deutschland direkt in ein massives Problem der Energiesicherheit mit übermäßiger, unverantwortbarer Abhängigkeit von Russland. Das Ziel der Dekarbonisierung schuf eine eingeengte Sicht- und Denkweise, die die Grundlagen der Ökonomie – Bezahlbarkeit, Arbeitsplätze, Einkommen, Investitionen, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität – schlichtweg ignorierte.

Da der Energieverbrauch alle Aktivitäten der Gesellschaft beeinträchtigt, sind die schmerzhaften Auswirkungen des Preisschocks für alle spürbar, und die Folgewirkungen sind alarmierend. Die Preise für Erdgas und Erdöl bzw. Benzin und Diesel sind fast vertikal gestiegen, damit auch die Kosten der Produkte des täglichen Lebens und der Transporte.

Lösung der Energiekrise erhofft sich die Bundesregierung von dem am 6. April im Bundeskabinett verabschiedeten sogenannten „Osterpaket“, der „größten energiepolitischen Gesetzesnovelle seit Jahrzehnten“. Damit soll der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt und verstärkt ausgebaut werden.

Das Paket konzentriert sich auf die Stromversorgung, die rund (nur) 12 % des Primärenergiebedarfs ausmacht. Dass 82 % des Bedarfs in 2021 von Erdöl, Kohle, Gas und Kernenergie gedeckt wurden, ist keine Rede.

Als „Herzstück des Paketes wird der Grundsatz verankert, dass die Nutzung erneuerbarer Energien im überragenden öffentlichen Interesse liegt und der öffentlichen Sicherheit dient. Der Ausbau der erneuerbaren Energien an Land und auf See wird auf ein völlig neues Niveau gehoben. Bis 2030 sollen mindestens 80 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs aus Erneuerbaren bezogen werden.“

Dazu ist anzumerken, dass der Textbaustein „im überragenden öffentlichen Interesse“ das Klagerecht gegen den Ausbau erheblich einschränkt und Bürgerrechte damit außer Kraft setzt. Gesundheitliche Auswirkungen von Ultraschall, Schlagschatten und verringert Abstände zur Wohnsiedlung sind im Sinne des öffentlichen Interesses zu ertragen. Basta!

Doch werfen wir in diesem Beitrag den Blick vorrangig auf den Materialbedarf und seine Beschaffung für den genannten Ausbau der Erneuerbaren. In einem früheren Bericht hatten wir bereits angemerkt, dass der massive Ausbau der wetterabhängigen Windenergie- und Solaranlagen die Neben-, Gegen- und Wechselwirkungen des Wirtschaftsgeflechts, deren Abhängigkeiten untereinander und deren Abhängigkeiten von Materialrohstoffen außeracht lässt.

„Windkraft sind Materialfresser“ betitelte Ingenieur [1] einen Bericht über den gewaltigen Materialbedarf der Erneuerbaren und vermittelte einen Eindruck, was der angestrebte Ausbau der Windenergie auf der Materialebene bedeutet.

Deutschlands starke Abhängigkeit von russischem Öl und Gas ist nur die Spitze des Eisbergs. Die weltweite Wirtschaft für erneuerbare Energien ist tief in geopolitisch problematische Lieferketten verstrickt. Große Teile der weltweiten Versorgung mit Silizium, Lithium und Seltenerdmineralien sind auf China angewiesen. Und hier erwartet Deutschland eine neue Abhängigkeit, die politisch nicht minder risikoreich ist.

Welchen Materialbedarf der Ausbau der Erneuerbaren bis 2040 international erfordert, wurde von Statista [2] in nachstehender Tabelle zusammengestellt:

Weltweiter Bedarf an Rohstoffen für die Produktion von Windkraftanlagen in 2018 und eine Prognose für das Jahr 2040. Angaben in Tonnen. Quelle: statista

Auf die Diskrepanz zwischen klimatischen Ambitionen und der Verfügbarkeit kritischer Mineralien hatten wir in einem früheren Bericht hingewiesen. Daraus ein Zitat des IEA-Exekutivdirektors Fatih Birol:

„Wenn in vielen Staaten bis 2050 die Netto-Null-Emissionen an CO2 erreicht werden soll, werde die Gesamtnachfrage nach kritischen Mineralien um den Faktor sechs steigen. Unsere Analyse zeigt, dass es eine drohende Diskrepanz zwischen den Klimaambitionen der Welt und der Verfügbarkeit kritischer Mineralien gibt, um diese Ambitionen zu verwirklichen. Das beunruhigt uns.”

Schlussbemerkung

Die Vorstellung, dass die Krise gelöst werden könnte, indem man die westliche Abhängigkeit von chinesischen Solarmodulen und Batterien der westlichen Abhängigkeit von russischem Öl und Gas vorzieht, oder versucht, arabische Emirate als Gaslieferanten zu gewinnen, zeigt im Übrigen, wie unernst die Ansprüche der Umweltbewegung auf Gerechtigkeit, Menschenrechte und Demokratie wirklich sind.

Quellen

[1] https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/energie/windkraftanlagen-materialfresser/

[2] https://d-eiti.de/wp-content/uploads/2020/02/Rohstoffbedarf-im-Bereich-der-erneuerbaren-Energien.Langfassung.pdf