Privacy Policy

Klimaschutz: Deutschland rettet (wieder einmal) die Welt

Gastautor Willy Marth

Willy Marth, geboren 1933 im Fichtelgebirge, promovierte in Physik an der Technischen Hochschule in München und erhielt anschliessend ein Diplom in Betriebswirtschaft der Universität München. Ein Post-Doc-Aufenthalt in den USA vervollständigte seine Ausbildung. Am „Atomei“ FRM in Garching war er für den Aufbau der Bestrahlungseinrichtungen verantwortlich, am FR 2 in Karlsruhe für die Durchführung der Reaktorexperimente. Als Projektleiter wirkte er bei den beiden natriumgekühlten Kernkraftwerken KNK I und II, sowie bei der Entwicklung des Schnellen Brüter SNR 300 in Kalkar. Beim europäischen Brüter EFR war er als Executive Director zuständig für die gesamte Forschung an 12 Forschungszentren in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien. Im Jahr 1994 wurde er als Finanzchef für verschiedene Stilllegungsprojekte berufen. Dabei handelte es sich um vier Reaktoren und Kernkraftwerke sowie um die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe, wo er für ein Jahresbudget von 300 Millionen Euro verantwortlich war.

 

Im Klimaschutz glauben die Deutschen – anders als bei der WM-Fußball 2018 – ganz vorn zu sein. Mit Stolz verweist man auf die 30.000 Windräder, welche viele Gegenden, sogar die windstillen, in unübersehbarer Weise zieren und verunstalten. Und auf die, ach so schrecklichen, Kernkraftwerke, welche, Gottseidank, nunmehr zu 90 Prozent stillgelegt sind. So war man denn auch hoch erfreut, als die “Klimapäpste” der UN die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn als Ausrichtungsort ihrer nächsten Klimakonferenz, der COP 23, auswählten. Etwa 25.000 Teilnehmer aus 197 Ländern reisten an, dazu 500 Nichtregierungsorganisationen, sowie der Experte Arnold Schwarzenegger. Deutschland fungierte brav als “technischer Gastgeber”, die Bundesregierung steuerte 115 Millionen bei und die Bonner Hoteliers waren zufrieden. Die “Hohe Präsidentschaft” dieser Weltkonferenz übte der mächtige Inselstaat Fidschi aus.

Der Ablauf der COP 23 entsprach allerdings nicht den Erwartungen der deutschen Delegation: man war auf Lob eingestellt, aber statt Liebe gab es Hiebe für den Gastgeber. Kritisiert wurde vor allem die Kohlepolitik der Bundesrepublik und die daraus erwachsenden viel zu hohen CO2-Emissionen. Das früher verabredete Ziel der 40 prozentigen Minderung dieser Abgase war offensichtlich nicht einzuhalten. Das mussten die Bonner Gastgeber kleinlaut zugeben.

Blick zurück im Zorn

Wie konnte es zu dieser blamablen Situation bei den CO2-Emissionen kommen? Nun, der (erste) Fehler wurde bereits 2007, also vor gut zwanzig Jahren, bei der Klimakonferenz COP 13 im exotischen Bali gemacht. Dort wurde als internationales Ziel die 25-prozentige Reduktion der emittierten Klimagase bis zum Jahr 2020 beschlossen – bezogen auf das Ausgangsjahr 1990. Die deutschen Unterhändler boten, im nationalen Überschwang, nicht 25 sondern gleich 40 Prozent an, wobei sie auf die Schließung der unwirtschaftlichen Betriebe in Ostdeutschland hofften.

Der zweite Fehler war die sofortige Abschaltung von acht deutschen Kernkraftwerken im Nachgang zu Fukushima; bis heute sind zwei weitere Großkraftwerke dazu gekommen. Das führte dazu, dass der Treibhausgasausstoß in Deutschland seit 2011 bei ca. 900 Millionen Tonnen stagniert. Der flatterhafte Wind- und Sonnenstrom konnte da nichts Gegenteiliges bewirken. Im übrigen wurden die Reduktionen praktisch nur von der Energiewirtschaft erbracht, die anderen Sektoren, insbesondere der Verkehr, haben praktisch Null beigetragen. Der dritte Fehler war die terminliche Abkopplung der KKW-Stilllegung von der Inbetriebnahme der leistungsstarken Nord-Süd-Transportnetze. Letztere werden wohl erst ab 2025 operativ, die letzten, derzeit noch laufenden Kernkraftwerke werden hingegen bereits 2022 abgeschaltet.

Kaum thematisiert wird, dass die deutschen CO2-Emissionen nur 160 Millionen Tonnen über dem 40 Prozent-Zielwert liegen. Die globalen Emissionen betragen demgegenüber 36.000 Millionen Tonnen. Der deutsche “Fehlbetrag” liegt also nur bei mickrigen 0,5 Prozent dieser riesigen Abgasmenge. Und dafür wurden wir von den großmäuligen Klimaschützern der Bonner Konferenz beschimpft – welche im übrigen fast alle per Flugzeug anreisten. Und dafür haben unsere Vertreter öffentlich Reue und Buße gelobt, nach dem Motto:
“Deutschland muss die Welt retten”.
Und in China wird jede Woche ein neues, großes Kohlekraftwerk in Betrieb genommen!

Die Kohle-Kommission soll´s richten

Es  ist offenkundig, dass die vermehrten CO2-Emissionen in Deutschland mit der Verbrennung der Steinkohle und insbesondere der Braunkohle zusammen hängen. Beide werden gebraucht, um die Regelenergie bereitzustellen und die herbstliche Dunkelflaute zu überwinden. Indes, die deutschen Abgasziele (gegenüber 1990) sind bekannt und praktisch schon festgeschrieben: 60 Prozent bis zum Jahr 2030 sowie unglaubliche 95 Prozent bis 2050. Der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sah sich in der Klemme und in solchen Situationen bilden Politiker gerne eine Kommission – in diesem Fall die Kohlekommission. Damit das Ziel – nämlich die Reduktion des Kohleabbaus und damit der Arbeitsplätze – aber dem Publikum nicht sofort sauer aufstößt, wurde ein umfänglicher und unauffälliger Name gewählt:Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung. Im Kern geht es jedoch um die Reduktion des Abbaus in den deutschen Kohleregionen: die rheinische, die mitteldeutschen sowie die Lausitz.

Die wichtigsten deutschen Kohlevorkommen

Anfangs wollte Altmaier einen effizienten Kader von 10 Kommissionsmitgliedern zusammenstellen. Dies gelang ihm jedoch nicht; möglicherweise weil er sich auch nach mehr als 100 Tagen nach Regierungsantritt immer noch nicht auf einen Staatssekretär für Energiefragen abstützen kann. (Der bisherige, Rainer Baake, hat gekündigt, was man auch durchaus positiv sehen kann). Nun hat die Kohlekommission 24 Mitglieder, 4 Vorsitzende, 3 Bundestagsabgeordnete ohne Stimmrecht sowie eine Steuerungsgruppe mit 8 Staatssekretären aus 8 beteiligten Bundesministerien. Ein Gremienmonster! In der Rekordzeit von einem halben Jahr soll der Pfad ins kohlenstoffdioxidfreie Energiezeitalter festgelegt werden.— Ein Mitglied der Kommission ist die flamboyante Marie-Luise Wolff, Leiterin eines kommunalen Mini-EVU und ehemalige Studentin der Anglistik und Musikwissenschaften. Sie soll gut Geige und Klavier spielen können. Und die Energiewende samt Atomausstieg hält sie auch für richtig. Man fühlt sich an die legendäre Ethikkommission erinnert mit Kardinal Marx als Experten. (“Die Atomenergie ist des Teufels”)

Die Kommission begann ihr Beratungen im vorigen Juni und hat sich einen strammen Zeitplan auferlegt. Die Eröffnungssitzung leitete der Bahn-Vorstand und frühere Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, wobei er einen Bericht des Essener RWI- Instituts entgegen nahm. Diese Experten hatten ermittelt, dass in Deutschland rd. 56.000 Beschäftigte direkt oder indirekt von der Braunkohle abhängig sind und deren Anteil an der Stromerzeugung 22,6 Prozent beträgt (Steinkohle 14,4 Prozent). Anfang Oktober 2018 wird das Gremium das Lausitzer Braunkohlebecken in Augenschein nehmen und schon zum Ende dieses Monats soll ihr schriftlicher Zwischenbericht vorliegen. Rechtzeitig zum Start des nächsten Weltklimagipfels COP 24 in Kattowitz! Am 11. Dezember soll die Kommission in einer siebten und letzten Vollsitzung ihre Arbeit beenden. Das gesetzte Ziel: “Wir wollen niemand zurücklassen auf dem Weg des Umbaus der deutschen Energieindustrie”. Great!

Ausblick

Der geplante Ausstieg aus der Kohle ist der zweite energiepolitische Ausstieg, den die Bundeskanzlerin Angela Merkel einläutet: 2011 war es der Ausstieg aus der Atomkraft, 2018 ist es jener aus der Kohle. Der Terminplan für die Kohlekommission ist so eng, dass man bezweifeln muss, ob sie belastbare Ergebnisse zutage fördern kann. Es sollen – auf die Schnelle – Lösungen gefunden werden, an denen sich Fachleute und Politiker seit Jahren die Zähne ausgebissen haben. Nur ein Faktum sei stellvertretend dafür genannt.:
Um gegen die Dunkelflaute gewappnet zu sein, braucht Deutschland einen Kraftwerkspark, der (permanent) etwa 70 Gigawatt Leistung liefern kann oder rund 30 Terawattstunden Speicherkapazität. Die gesamten vorhandenen Pumpspeicherkraftwerke liefern aber nur 40 Gigawattstunden Speicherkapazität. Wie soll so die Stromversorgung in einem Industrieland, wie Deutschland, unterbrechungslos funktionieren?

Unter dem gegenwärtigen Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier werden diese Probleme nicht mehr gelöst werden. Altmaier wird glaubhaft nachgesagt, dass er (Ende 2019) in Brüssel einen Kommissarposten anstrebt.

 

 

RSK bestätigt die Sicherheit belgischer Kernkraftwerke

Die Reaktorsicherheitskommission (RSK) bewertet in ihrer Stellungnahme vom 23.05.2018*) die Sicherheitsnachweise für die Reaktordruckbehälter der belgischen Kernkraftwerke Doel-3 und Tihange-2, jene Kernkraftwerke, deren Stilllegung wiederholt von deutscher Seite gefordert worden ist.

Anlass dazu gab die im Juni 2012 bei Ultraschallprüfungen festgestellte große Anzahl von Anzeigen in den beiden kernnahen Schmiederingen des Reaktordruckbehälters (RDB) des Kernkraftwerkes Doel-3. Ähnliche Anzeigen wurden, allerdings in geringerer Anzahl, noch im gleichen Jahr auch beim Kernkraftwerk Tihange-2 gefunden. Diese Anzeigen wurden auf wasserstoffinduzierte Risse („Wasserstoff-Flockenrisse“) zurückgeführt, die bei der Herstellung entstanden seien.

Die belgische Aufsichtsbehörde FANC hatte diese Ultraschallanzeigen mehrfach von ausländischen Experten bewerten lassen, die kein erhöhtes Sicherheitsrisiko in diesen Anzeigen sahen.

Bereits in ihrer Kurzbewertung der Sicherheitsnachweise vom 13.04.2016 ging die RSK davon aus, dass ein Integritätsverlust der RDB-Wand unter den Betriebsbedingungen nicht zu unterstellen sei. Aus ihrer Sicht bedurfte es aber noch zusätzlicher Nachweise und der Validierung einiger Methoden, um die Einhaltung der erforderlichen Sicherheit bei Störfällen zu bestätigen.

Auf der Basis detaillierter Informationen, die der RSK von der Aufsichtsbehörde FANC, der belgischen Sachverständigenorganisation BelV und den Kernkraftwerksbetreibern zur Verfügung gestellt wurden, kommt die RSK unter anderem zu folgenden Ergebnissen (Zitat):

  • Es ist nachvollziehbar und plausibel, dass es sich bei den Befunden um herstellungsbedingte Flockenrisse handelt. Diese Hypothese steht im Einklang mit den Ergebnissen der zerstörungsfreien Untersuchungen, der Bewertung des Herstellungsprozesses (die Entstehung von Flockenrissen durch im Stahl gelösten Wasserstoff ist ein bekanntes Phänomen) und der Befundsituation an anderen Schmiedestücken, die bei der Herstellung aufgrund von festgestellten Ungänzen (Anm.: Fehlstellen) verworfen wurden. Diese Schmiedestücke wurden sowohl zerstörungsfrei als auch zerstörend untersucht.
  • Mit den durchgeführten zerstörungsfreien Prüfungen und ergänzenden Analysen konnte kein betriebsbedingtes Risswachstum erkannt werden.

„Insgesamt konnten im Austausch mit der belgischen Seite die meisten der offenen Fragen der RSK geklärt werden. Es verbleibt jedoch die Frage bezüglich einer ausreichenden experimentellen Absicherung der Berechnungsmethoden für Rissfelder. Die in Deutschland und Belgien in Zusammenarbeit mit der französischen CEA eingeleiteten Forschungsvorhaben können zu einer weiteren Absicherung der Berechnungsmethoden beitragen.“

*)  http://www.rskonline.de/sites/default/files/reports/epanlagersk503hp.pdf

USA: Tiefgreifende CO2-Minderung vorerst nur durch Einsatz von Kernkraftwerken

In den Vereinigten Staaten befinden sich rund 100 Kernkraftwerke in Betrieb. Weit mehr als die Hälfte der Kernkraftwerke erhielten in den letzten Jahren eine Laufzeitverlängerung auf 60 Betriebsjahre. Ihr Beitrag an der Gesamtstromerzeugung liegt bei rund 20 Prozent. Durch den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien wie auch durch den Einsatz von preisgünstigem Fracking-Gas wurde der Betrieb von Kernkraftwerken zunehmend unprofitabler. Seit 2013 kam es zur Abschaltung etlicher Kernkraftwerke, weitere „stehen auf der Kippe“ (at-risk). Mit der US-amerikanischen Herausforderung der Stromerzeugung befasst sich ein in der atw*erschienener Aufsatz, deren Autoren zu einer bemerkenswerten Schlussfolgerung kommen (ins Deutsche übersetzt):

 

Investitionen in erneuerbare Energien haben wesentlich zur emissionsfreien Stromerzeugung (in den USA) beigetragen. Für diejenigen, die mit dem Klimawandel zu tun haben, ist dies ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung. Die vorzeitige Abschaltung von „auf der Kippe stehenden“ Kernkraftwerken in den USA würde jedoch bedeuten, auf eine CO2-freie Stromerzeugung zu verzichten, die zwei Dritteln der gesamten CO2-freien Stromerzeugung aus Wind und Sonne entspricht. In US-Staaten mit diesen Nuklearanlagen hat der Verzicht einen deutlich größeren Einfluss. Die Verzichte könnten noch bedeutender werden, wenn mehr Kernkraftwerke ihre Betriebsgenehmigungen nicht erneuern würden.

Ein Hoffnungsschimmer entsteht jedoch, wenn Staaten wie New York und Illinois Politiken entwickeln, um die kohlenstofffreie Stromerzeugung durch Kernkraftwerke zu bewerten. Sogar Umweltschützer beginnen, Unterstützung für die Kernenergie anzubieten. In Illinois bezeichnete die “Union der besorgten Wissenschaftler” (Union of Concerned Scientists) das “Future Energy Jobs Bill” als eines des umfassendsten staatlichen Energiegesetzentwurfes, das jemals ausgearbeitet wurde und die wichtigste Klimagesetzgebung in der Geschichte Illinois ist. In einem offenen Brief, der von mehr als 70 Ökologen und Naturschutzforschern unterzeichnet wurde, heißt es außerdem, Wind und Sonne seien vielversprechend, aber die Kernenergie als die bei weitem kompakteste und energieintensivste Quelle könnte ebenfalls einen wichtigen und vielleicht auch führenden Beitrag zur Verringerung der CO2-Emissionen leisten.

Wenn die Kernkraftwerkskapazität in naher Zukunft nicht erhalten bliebe, wird dies die gesamte Industrie gefährden. Wenn erst einmal ein Kernkraftwerk stillgelegt wird, wird es nicht zurückkommen. Wenn genug Kernkraftwerke stillgelegt werden, könnte ein Wendepunkt für die gesamte Industrie in den Vereinigten Staaten erreicht werden. Während man argumentieren könnte, dass dieses nukleare Loch auf lange Sicht mit erneuerbaren und anderen sich entwickelnden sauberen Technologien gefüllt sein wird, ist es für die nahe Zukunft aber gewiss, dass eine schnelle und tiefgreifende Kohlenstoffreduktion den Einsatz von Kernkraftwerke für die Stromerzeugung unverzichtbar macht.

*)  Chris Vlahoplus, Ed Baker, et.al. “While you are sleeping: The unnoticed loss of carbon-free generation in the United States”, atw International Journal for Nuclear Power 6/7 2018