Privacy Policy Italien: Nuklearforschungsförderung trotz KKW-Verbot - AG E+U - Die Realisten

Italien: Nuklearforschungsförderung trotz KKW-Verbot

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Das Besondere an der folgenden Mitteilung [1] ist, dass obwohl es in Italien ein Verbot für den Betrieb von Kernkraftwerken besteht, die staatliche nukleare Forschung davon unbeeinflusst weiter betrieben wird:

Das italienische Forschungszentrum Enea und das in Großbritannien ansässige Start-up Newcleo haben Mitte März 2022 eine Kooperationsvereinbarung über die Entwicklung eines kleinen, bleigekühlten Schnellen Reaktors der Generation IV abgeschlossen [1].

Das Verbot des Kernkraftwerk-Betriebes hindert Italien nicht daran, im Unterschied zu Deutschland, die nukleare Forschung weiterhin zu fördern.

Wie Newcleo erklärte, sei beabsichtigt, innerhalb von sieben Jahren den ersten nuklearen Prototyp in einem kernkraftfreundlichen Land zu bauen und anschließend international zu vermarkten, um die derzeitigen Reaktoren der zweiten und dritten Generation zu ersetzen.

Zum Hintergrund: Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl gab es in Italien im November 1987 eine Volksabstimmung, die sich gegen die weitere Nutzung der beiden in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke richtete. Sie wurden offiziell 1990 stillgelegt. Ein ursprünglich auf sechs Jahre festgelegtes Moratorium für den Bau neuer Kernkraftwerke wurde auf unbefristete Zeit verlängert. Zwar gab es wiederholt politische Ansätze für einen erneuten Wiedereinstieg, die nach der Fukushima-Reaktorkatastrophe und einer weiteren Volksabstimmung in 2011 endgültig auf Eis gelegt wurden.

Gemäß der Mitteilung [1] ist insbesondere die Entwicklung fortgeschrittener Nuklearsysteme mit geringen Abmessungen (Advanced Modular Reactors) vorgesehen, die mit Blei statt mit Wasser gekühlt werden. Dies mache den Reaktortyp wesentlich einfacher und zuverlässiger. Der Kooperationspartner Enea verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen mit Flüssigmetall-gekühlten nuklearen Systemen. Geplant ist zuerst der Bau eines elektrisch-beheizten Prototyps des bleigekühlten Schnellen Reaktors (LFR), der ohne radioaktives Material oder Kernbrennstoff auskommt und die Untersuchung der thermodynamischen, mechanischen und funktionellen Leistungsmerkmale ermöglicht.

Die gemeinsamen Aktivitäten von Newcleo und Enea betreffen laut Mitteilung auch die Konzeption eines beschleunigergetriebenen Systems (ADS), das inhärente Sicherheit bietet. Newcleo wolle mit dem Gesamtsystem – bei dem ein Teilchenbeschleuniger mit einem unterkritischen Thoriumreaktor gekoppelt wird – langlebige radioaktive Abfälle der bestehenden Kernreaktoren verbrennen und so deren Menge drastisch reduzieren. Diesen Ansatz verfolgt auch das Schweizer Start-up Transmutex, das mit Enea zusammenarbeitet.

Testläufe, Trainings und Sicherheitsanalysen wollen Newcleo und Enea im bestehenden Nuklearforschungszentrum in Brasimone (liegt zwischen Bologna und Florenz) durchführen. Die Infrastruktur dort solle genutzt und modernisiert werden.

Und Deutschland?

Mit dem deutschen Ausstieg aus dem Kernkraftwerk-Betrieb bis Ende 2022 wurde auch die staatliche Forschungsförderung auf dem Nuklearsektor weitgehend eingestellt. Verblieben sind Forschungen, die der Sicherheit der verbliebenen Kernkraftwerke und der Endlagerung dienen. An den deutschen Hochschulen und Universitäten werden nur noch wenige Vorlesungen über Kerntechnik angeboten. In den ehemaligen Kernforschungszentren In Karlsruhe und Jülich ist keine nukleare Forschung mehr zu finden. Die Zentren wandten sich anderen Themen zu und änderten ihren Namen.

An der seit Jahrzehnten betriebenen internationalen Entwicklung der Generation IV-Reaktoren und der „Small Modular Reactors“ (SMR) ist Deutschland nicht beteiligt. Diese neuen Reaktorgenerationen zeichneten sich quasi als absolut sicher aus.

Deutschland hat seine Spitzenstellung in der Kerntechnik und in der Endlagerforschung komplett verloren. Ehemalige Nuklearexperten sind im Ruhestand oder verstorben. Gleichwertigen Nachwuchs gibt es nicht. Auf der internationalen Nuklearbühne ist Deutschland kein gefragter Diskutant mehr. Deutschland, eine der größten internationalen Industrienation, hat sich aus der zukunftsträchtigen Nuklearentwicklung ausgeklinkt.

Ausgeführt von Politikern, die geschworen haben, sich dem Wohle des Volkes zu widmen, gleichzeitig aber neuen Generationen die Voraussetzung nehmen, ihre energetische Zukunft wettbewerbsorientiert zu entwickeln. 

 

[1] https://www.newcleo.com/wp-content/uploads/2022/03/2022-03-14-ENEA-newcleo-signs-agreement-with-ENEA.pdf