Gruppenidentität, sozialer Status und ein von Qualifikationen dominiertes politisches Establishment machen die Klimadiskussion zunehmend immun gegen enttäuschende Ergebnisse, argumentiert Evert Doornhof von Clintel*). Das Ergebnis ist eine klimapolitische Falle, in der Misserfolge nicht zu einem Umdenken führen, sondern zu noch mehr Klimapolitik.Der Versuch einer Zusammenfassung seines Berichtes [1]:
Der Artikel beschäftigt sich mit der Frage, warum steigende soziale, wirtschaftliche und energiepolitische Kosten der Klimapolitik so selten zu einer grundlegenden Neubewertung führen.
Ausgangspunkt ist ein Paradoxon: Obwohl hohe Energiepreise, überlastete Stromnetze, Verzögerungen bei Bau- und Industrieprojekten sowie Probleme bei der Integration von Wind- und Solarenergie sichtbar werden, führt dies häufig nicht zu einer Überprüfung der bisherigen Politik. Stattdessen werden die Probleme vielfach als Begründung für noch mehr Netzausbau, strengere Klimaziele oder eine schnellere Umstellung auf erneuerbare Energien verstanden. Der Artikel erklärt dieses Verhalten mit der zunehmenden Verankerung der Klimapolitik in gesellschaftlichen Institutionen, beruflichen Interessen, politischen Strukturen und der Identität bestimmter gesellschaftlicher Gruppen.
Ein wichtiger Gedanke des Artikels ist, dass die Menschheit gegenüber Naturgefahren widerstandsfähiger geworden ist. Unter Berufung auf Daten von „Our World in Data“ und die EM-DAT-Datenbank wird darauf hingewiesen, dass die Zahl der Todesfälle durch Naturkatastrophen im vergangenen Jahrhundert stark zurückgegangen ist. Als Gründe nennt der Artikel unter anderem bessere Frühwarnsysteme, stabilere Gebäude, medizinischen Fortschritt, moderne Landwirtschaft, Infrastruktur, Evakuierungsmöglichkeiten und wirtschaftlichen Wohlstand. Das Beispiel Bangladesch soll verdeutlichen, dass Zyklone heute trotz ihrer weiterhin bestehenden Gefahr deutlich weniger Todesopfer fordern können, wenn Warn- und Schutzsysteme funktionieren. Der Autor betont allerdings, dass daraus nicht folgt, dass Klimarisiken verschwunden sind. Vielmehr zeige sich, dass Anpassung und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit eine zentrale Rolle bei der Verringerung von Schäden spielen.
Anschließend untersucht der Artikel die Bedeutung von Identität und sozialem Status für die Klimapolitik. Der Soziologe Musa al-Gharbi wird mit dem Konzept der „symbolischen Kapitalisten“ vorgestellt. Gemeint sind hochqualifizierte Menschen aus Bereichen wie Wissenschaft, Medien, Politik, Beratung, Recht, Technologie oder Nichtregierungsorganisationen, die wesentlich daran beteiligt sind, gesellschaftliche Probleme zu definieren und bestimmte Deutungen mit Prestige zu versehen. Der Artikel argumentiert, dass Bildung und Intelligenz Menschen nicht automatisch vor Gruppendenken schützen. Im Gegenteil könnten hochgebildete Menschen besonders gut darin sein, widersprüchliche Informationen so zu interpretieren, dass sie weiterhin mit ihrer bisherigen Weltanschauung vereinbar bleiben.
Klimapolitische Überzeugungen können dadurch neben ihrer inhaltlichen Funktion auch eine soziale Funktion bekommen. Die Unterstützung ambitionierter Klimapolitik kann beispielsweise Fachwissen, Modernität und moralische Verantwortung signalisieren. Zweifel an bestimmten Maßnahmen können dagegen als Unwissenheit oder mangelnde Verantwortung wahrgenommen werden.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, wie sich eine politische Erzählung selbst stabilisieren kann. Der Artikel beschreibt mehrere Mechanismen. Erstens werde selektiv wahrgenommen, welche Informationen in das vorherrschende Klimanarrativ passen. Ereignisse wie Überschwemmungen, Hitzewellen oder Waldbrände würden schnell als Belege für die Dringlichkeit des Klimawandels interpretiert, während Fortschritte bei der Anpassung oder die sinkende Zahl von Katastrophentoten weniger Aufmerksamkeit erhielten. Zweitens würden Begriffe wie „Klimaleugner“ oder „Desinformation“ Kritiker nicht inhaltlich widerlegen, sondern sie gesellschaftlich und moralisch ausgrenzen. Drittens könne die Verbindung mit stigmatisierten Personen oder Organisationen zu einem Reputationsrisiko führen und dadurch Selbstzensur fördern.
Als Beispiel für diesen Mechanismus wird die Organisation CLINTEL und insbesondere deren Mitbegründer Guus Berkhout genannt. Der Artikel kritisiert, dass die Verbindung Berkhouts zur Öl- und Gasindustrie häufig stärker hervorgehoben werde als seine wissenschaftliche Tätigkeit. Dadurch könne die Diskussion von der sachlichen Prüfung seiner Argumente auf seine Person, seine früheren beruflichen Kontakte oder seine vermuteten Motive verschoben werden. Der Artikel sieht darin ein Beispiel dafür, wie „Assoziation“ an die Stelle einer inhaltlichen Auseinandersetzung treten kann. Zusätzlich beschreibt er einen institutionellen Kreislauf: Regierungen setzen Klimaziele, Behörden und Beratungsgremien richten ihre Arbeit daran aus, Medien berufen sich auf wissenschaftliche beziehungsweise institutionelle Autorität und Regierungen nutzen diese wiederum zur Legitimation ihrer Politik. Dadurch werde es schwierig, den grundsätzlichen politischen Kurs infrage zu stellen.
Besonders kritisch betrachtet der Artikel den Umgang mit politischen Rückschlägen. Hohe Energiepreise, Netzprobleme oder industrielle Schwierigkeiten würden demnach häufig nicht als mögliche Folgen oder Schwächen des gewählten Übergangs interpretiert. Stattdessen würden sie als Beweis dafür gelten, dass noch mehr Maßnahmen notwendig seien. Netzengpässe führten beispielsweise zu Forderungen nach zusätzlichem Netzausbau, während hohe Energiepreise mit einer weiterhin bestehenden Abhängigkeit von fossilen Energieträgern erklärt werden könnten. Dadurch werde nahezu jedes negative Ergebnis in ein Argument für eine Beschleunigung der bestehenden Politik umgewandelt. Der Artikel bezeichnet dieses System als „funktional resistent gegen Falsifikation“.
Im letzten Teil entwickelt der Autor daraus seine zentrale Kritik. Die sogenannte „gefährliche Inversion“ bestehe darin, dass gerade Wohlstand, zuverlässige Energie, Infrastruktur und technologische Entwicklung wesentlich dazu beigetragen hätten, die Menschheit gegenüber Naturgefahren widerstandsfähiger zu machen. Wenn eine Klimapolitik jedoch Energie verteuere, deren Zuverlässigkeit beeinträchtige oder wirtschaftliches Wachstum und industrielle Leistungsfähigkeit schwäche, könnte sie langfristig genau jene Fähigkeiten beeinträchtigen, die Menschen bei der Anpassung an Klimarisiken helfen. Besonders betroffen seien ärmere Haushalte und Länder, die noch keinen ausreichenden Zugang zu zuverlässiger Energie besitzen.
Der Artikel fordert deshalb keine Untätigkeit beim Klimaschutz, sondern eine andere Prioritätensetzung. Klimapolitik solle stärker am menschlichen Wohlergehen ausgerichtet werden und insbesondere Bezahlbarkeit, Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Widerstandsfähigkeit berücksichtigen. Verschiedene Energiequellen sollten nach ihrem tatsächlichen Beitrag zum gesamten Energiesystem beurteilt werden. Dazu gehörten nicht nur die Kosten der Stromerzeugung, sondern auch Netze, Speicherung, Backup-Kapazitäten, Übertragung und Verteilung. Ebenso sollten unterschiedliche wissenschaftliche Einschätzungen und Energieszenarien offen miteinander konkurrieren können.
Als Ausweg aus der beschriebenen „Klimapolitik-Falle“ fordert der Artikel daher mehr intellektuelle Bescheidenheit und Pluralismus. Kritiker sollten anhand ihrer Argumente und Belege beurteilt werden und nicht anhand von Etiketten oder persönlichen Verbindungen. Gleichzeitig müsse im Voraus festgelegt werden, unter welchen Bedingungen eine politische Maßnahme überarbeitet oder aufgegeben wird. Eine gute Energiepolitik brauche nicht weniger Wissenschaft, sondern eine Wissenschaft, die abweichende Meinungen zulässt, sowie mehr Verantwortung für sämtliche Folgen politischer Entscheidungen. Das Ziel sollte letztlich eine offene Abwägung von Risiken, Kosten, Nutzen und Alternativen sein.
Quelle
*) CLINTEL (short for the Climate Intelligence Foundation) is a Dutch organization founded in 2019 that promotes climate change skepticism and opposes mainstream international climate policies. It is best known for publishing the „World Climate Declaration,“ which asserts that there is no climate emergency.
Weiterführende Literatur
Musa al-Gharbi, Smart People Are Especially Prone to Tribalism, Dogmatism and Virtue Signaling
Rob Henderson, Do the Most Educated People Look Down on Everyone Else?
Mark Bovens and Anchrit Wille, Diploma Democracy: The Rise of Political Meritocracy
Hannah Ritchie, Pablo Rosado and Max Roser, Natural Disasters
Marcel Crok, There is no climate emergency (video)
European Commission, EU guidance on ensuring electricity grids are fit for the future
International Energy Agency, Electricity 2026: Grids
Clintel, World Climate Declaration
Wikipedia, Guus Berkhout