Im Mai 2025 hob die neue belgische Regierung den Kernenergie-Ausstiegsbeschluss aus dem Jahre 2003 per Gesetz wieder auf. Der französische Betreiber Engie allerdings wollte sich aus dem Nukleargeschäft in Belgien zurückziehen.
Premierminister Bart De Wever erklärte, Belgien wolle dadurch wieder stärkeren Einfluss auf seine Energiepolitik gewinnen. Im Mittelpunkt stehen insbesondere mögliche Laufzeitverlängerungen über 2035 hinaus und perspektivisch auch neue Kernkraftwerke.
Die belgische Bundesregierung und der Betreiber ENGIE/Electrabel führen demzufolge exklusive Verhandlungen über eine mögliche Übernahme sämtlicher nuklearer Aktivitäten durch den belgischen Staat. Ziel sei, sich bis zum 1. Oktober mit Engie ein Rahmenabkommen für die Übernahme des Kernkraftwerksparks zu vereinbaren. Es geht um die sieben Reaktoren, aber auch um Pflichten aus Stilllegung und Rückbau und um das Personal, das die Anlagen noch kennt.
Aktuell stand der Betreiber Engie bereits vor einem entscheidenden Rückbauschritt, der eine Wiederinbetriebnahme erheblich erschwert hätte, als der Belgische Energieminister Matthieu Bihet eingriff und verlangte, dass jegliche Arbeiten, die eine mögliche Verlängerung der Laufzeit von Kernkraftwerken gefährden könnten, gestoppt werden.
„Wenn ein Land ein Kernkraftwerk schließt, verliert es nicht nur Produktionskapazität“, sagt Bihet dem Handelsblatt [1]. Es verliere nach und nach auch Kompetenzen und ein industrielles Ökosystem. „Wenn diese Elemente einmal verloren sind, ist es viel schwieriger und teurer, eine Branche wieder aufzubauen. Wir wollen wieder eine belgische Atompolitik aufbauen, die langfristig angelegt ist. Es geht nicht mehr um eine Übergangsenergie“, sagt er. „Das Bihet-Gesetz hat den Rahmen geschaffen, um neue nukleare Kapazitäten aufzubauen.“ 2025 erreichten die belgischen Netto-Stromimporte 13,4 Terawattstunden, ein Rekordwert.
Ob sich die Verlängerung der Kernenergie für Belgien lohnt, hängt entscheidend davon ab, welche Kernkraftwerke das Land reaktivieren kann. Im Zentrum stehen neben Tihange 1 die Reaktoren Doel 1 und Doel 2, die erst 2025 vom Netz gegangen sind. Schwieriger wird es bei Doel 3 und Tihange 2. Diese wurden 2022 und 2023 vom Netz getrennt, ihr Rückbau ist schon weit fortgeschritten.
Doel 4 und Tihange 3 dürfen bereits bis 2035 weiterbetrieben werden. Die entsprechenden Laufzeitverlängerungen wurden 2025 sicherheitstechnisch genehmigt.
Bereits die Laufzeitverlängerung von Doel 4 und Tihange 3 kostete nach früheren Schätzungen mindestens 1,6 bis zwei Milliarden Euro. Für die Wiederinbetriebnahme der fünf abgeschalteten Reaktoren wären nach Schätzungen der französischen Zeitung „Le Monde“ weitere drei bis vier Milliarden Euro nötig. Eine Modernisierung wäre wohl dennoch günstiger als ein Neubau.
Bihets Überlegungen treffen auf eine Diskussion, die auch in Deutschland immer wieder aufflammt: War der Kernenergieausstieg ein Fehler? Und könnte man ihn rückgängig machen? Es war ein gewaltiger Fehler, energiepolitisch, wirtschaftlich, und umweltpolitisch.
Eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung befürwortet den Weiterbetrieb der letzten drei Kernkraftwerke nach einem ARD-DeutschlandTrend im April 2023 unmittelbar nach der Abschaltung
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- 59 % hielten den Kernenergieausstieg zum damaligen Zeitpunkt für falsch.
- 34 % hielten ihn für richtig.
Vergleichbare Ergebnisse lieferten die Umfragen von Verivox/Innofact im April 2025 und Forsa im April 2026
Die Bevölkerung sieht Kernenergie daher überwiegend nicht als Ersatz, sondern – sofern überhaupt – als ergänzende Option neben Wind- und Solarenergie.