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Nachbarstaaten über deutsche Energiepolitik besorgt

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Es ist erschreckend, wie unverantwortlich und fahrlässig mit der bislang sicheren elektrischen Energieversorgung in Deutschland umgegangen wird. Die Gefährdung und Verletzlichkeit eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung wurde in aller Deutlichkeit und Dramatik in einer Technikfolgenabschätzung [1] der Bundesregierung bereits vor Jahren für Jedermann nachlesbar vor Augen geführt.

Überhastet, sicherheitstechnisch grundlos und ohne parlamentarische Aussprache wurde im Frühjahr 2011 der Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 verkündet. Nur wenige Monate zuvor war die Kernenergie als Brückentechnologie von den gleichen politischen Akteuren als unverzichtbar erklärt worden.

Die Braunkohle und die Steinkohle sind in Deutschland die nächsten Opfer. Ohne gesicherte wissenschaftliche Nachweise wird das bei der Verbrennung fossiler Energieträger entstehende Kohlendioxid für den Klimawandel verantwortlich gemacht. Seine Entstehung soll drastisch reduziert, nach Möglichkeit ganz vermieden werden.

Deutschlands Stromnetz der Hoch- und Höchstspannungsleitungen ist Teil des europäischen Verbundsystems. Sämtliche zum Verbund gehörenden Stromerzeuger arbeiten mit identischer Netzfrequenz und entsprechender Phasenlage. Schwankungen der Netzfrequenz über den Toleranzbereich hinaus müssen umgehend über Regelleistungen ausgeglichen werden, anderenfalls drohen Kurzschlüsse. Der Grund liegt darin, dass elektrische Stromnetze, auch Verbundnetze, elektrische Energie nicht speichern können. Es muss zu jedem Zeitpunkt die erzeugte elektrische Leistung dem nachgefragten elektrischen Verbrauch angepasst werden, andernfalls weicht die Netzfrequenz im gesamten Verbundnetz nach oben (zu geringe Nachfrage), bzw. nach unten (zu hohe Nachfrage) ab.

Noch sind Stromausfälle in großen Versorgungsbereichen selten. Doch wie lange noch? Die stabilisierenden Eingriffe ins Versorgungsnetz (Redispatch) haben drastisch zugenommen. Zum Beispiel sei an den Netzausfall am 28. September 2003 erinnert. An dem Tag fiel nahezu im gesamten italienischen Raum teilweise mehr als 15 Stunden der Strom aus. Auch Teile von Frankreich, der Schweiz und Österreich waren kurzzeitig betroffen. Die Ursache war ein Kurzschluss gegen 3 Uhr auf der Lukmanierleitung in der Schweiz [2]. Da innerhalb von Italien nicht schnell genug entsprechende Lasten vom Netz genommen wurden, scheiterte eine Wiederinbetriebnahme der Leitung und in einer Kettenreaktion wurden alle anderen Verbindungsleitungen zwischen Italien und seinen Nachbarn wegen Überlastung abgeschaltet. Italien, das von Stromimporten abhängig ist, konnte nach der Abtrennung vom europäischen Verbundnetz das landeseigene Stromnetz nicht mehr aufrechterhalten. Der Wiederaufbau des Netzes dauerte – je nach Region – zwischen 5 und 18 Stunden.

Für die Bereitstellung von Regelleistungen kommen derzeit fast ausschließlich Kernkraftwerke und Fossilkraftwerke zum Einsatz. Stromspeicher, etwa in Form von Pumpspeicherkraftwerke, stehen aktuell und auch in naher Zukunft nicht in der erforderlichen Kapazität zur Verfügung. Ökostromanlagen scheiden wegen ihrer Wetterabhängigkeit grundsätzlich hierfür aus, auch ein weiterer Zubau würde hieran nichts ändern.

Es wundert daher nicht, dass sich Verbundpartner besorgt über die Verlässlichkeit der Stromversorgung in und aus Deutschland äußern. Jeder Partner des Verbundsystems trägt Verantwortung für die Netzstabilität in seinem Land sowieso und zugleich auf europäischer Ebene.

Die auf Stromimporte – unter anderem aus Deutschland – angewiesene Schweiz etwa sieht für sich einen möglichen Stromengpass. Sie beruft sich dabei auf die Verlautbarung der deutschen Bundesnetzagentur, wonach in Deutschland bis zum Winter 2022/2023 – nach Abschalten des letzten Kernkraftwerkes – der Bedarf an Reservekraftwerken auf einen neuen Rekordwert von über 10 Gigawatt steigen muss. Nach Ansicht des Schweizer Nuklearforums [3] sei unklar, wie diese Reserveleistung bereitgestellt werden soll. „Ein beschleunigter Kohleausstieg, wie er in Deutschland derzeit ins Auge gefasst wird, würde die angespannte Situation im deutschen Stromnetz zusätzlich verschärfen.“ Die Verschärfung würde auch die Schweiz zu spüren bekommen.

Aus Polen schrieb eine Gruppe von fast 100 Umweltschützern und Wissenschaftlern einen offenen Brief an die Führung Deutschlands, worin das Land gebeten wurde, seine “Atomausstiegspläne” zu überdenken [4]. Der übersetzte Wortlaut:

„Als Bürger Ihres Nachbarlandes, das viele Gruppen und Organisationen, die Welt der Wissenschaft und Kultur vertritt, als Bürger der Europäischen Union, die sich der beispiellosen Bedrohung der Biosphäre durch den globalen Klimawandel bewusst sind, bitten wir Sie, ihre Entscheidung über die endgültige Stilllegung voll funktionsfähiger Kernkraftwerke innerhalb der Bundesrepublik Deutschland durch die Bundesregierung im Jahr 2011 zu überdenken“…. „Wir sind uns der anhaltenden Diskussion über den Platz der Kernenergie in einem langfristig nachhaltigen Stromerzeugungsmodell bewusst…. Die Aufgabe der kohlenstoffarmen Kernenergie vor dem vollständigen Ende der Verbrennung von Steinkohle und Braunkohle wird jedoch zu technischen und technologischen Problemen führen, die in kurzer Zeit nur sehr schwer zu bewältigen sind und vor allem die weitere Nutzung anderer fossiler Brennstoffe wie Erdgas erfordern. Dies führt wiederum nicht zu einer erwarteten raschen und wirksamen Dekarbonisierung.“

Ende 2018 hatte sich der Direktor der Abteilung Kernenergie im Polnischen Energieministerium, Jozef Sobolewski [5], kritisch über die deutsche Energiepolitik geäußert. „Deutschland ist zwar führend in der Entwicklung erneuerbarer Energiequellen, hat jedoch zehnmal höhere Emissionen als Frankreich, das zur Stromerzeugung auf Atomenergie angewiesen ist.“ „Deutschland weiß bereits, dass es die für 2020 gesetzten Ziele zur Verringerung der CO2-Emissionen nicht erreichen wird, und der Abstand wird beträchtlich sein. Deshalb verschiebt es die Schließung von Kohlekraftwerken und treibt den Bau von Nord Stream 2 voran. Die einzige Möglichkeit zur CO2-Reduzierung besteht in der Annahme, dass der Rückzug aus Kohle und Kernkraftwerken nur aus Erdgas besteht. Deshalb ist Deutschland fest entschlossen, den zweiten Bauabschnitt der Nord Stream-Gaspipeline fertigzustellen.“

Schauen wir nach Frankreich, das etwa 75 % seiner Energie aus Kernkraftwerken bezieht. Der Rest, der von Wärmekraftwerken erzeugt wird, emittiert im Durchschnitt zehnmal weniger CO2 pro Kraftwerk als das benachbarte Deutschland. Der amtierende Präsident gab den Plan seines Vorgängers auf, der auf der Welle der grünen Ideologie zugesagt hatte, den Anteil der Kernenergie auf 50% zu reduzieren, und sagte, dass es auf die Verringerung der Emissionen ankommt und nicht auf die Art und Weise, wie dies erreicht wird. Um die Windlobby zu besänftigen, billigte er jedoch den Bau von Offshore-Windparks mit einem garantierten Preis, der fünfmal so teuer war wie der von Atomkraft. Nun, die Reichen können sich mehr leisten.

Werfen wir einen Blick auf die CO2-Abhängigkeit der Stromversorgung von Australien (85%), Belgien (40%), Frankreich (11%), Deutschland (66%), Schweden (9%), der Schweiz (14%), dem Vereinigten Königreich (63%) und den USA (66%), so wird deutlich, diejenigen, die den größten Teil ihres Stroms aus nicht fossilen Quellen beziehen – Belgien, die Schweiz, Frankreich und Schweden -, haben alle etwas gemeinsam, nämlich die Kernenergienutzung.

Erneut sei daran erinnert, was das IPCC in seinem vorletzten Bericht schrieb: „Achieving deep cuts in emissions is going to require more intensive use of low greenhouse gas technologies, including renewables, nuclear and carbon capture and storage.'”

Am 31. Dezember 2018 waren 450 Kernkraftwerke (KKW) mit einer Gesamtleistung von 396.900 Megawatt in Betrieb. Sie liefern zuverlässig CO2-armen Strom und tragen wesentlich zur Verminderung von Treibhausgasemissionen und zur Versorgungssicherheit bei. Laut der Internationalen Energieagentur IEA hat die Kernenergie weltweit über die letzten knapp 50 Jahren den Ausstoß von 63 Milliarden Tonnen CO2verhindert.

98 dieser KKW stehen in den USA, 58 in Frankreich und 45 in China, das mit seinen Neubauten in den letzten Jahren Japan mit 39 KKW und Russland mit 36 KKW überholt hat. 55 neue KKW waren Ende 2018 in Bau und 120 weitere projektiert. Insgesamt nutzen 31 Länder die Kernenergie mit ihren Vorzügen für die Versorgungssicherheit und fürs Klima. Bangladesch, Weißrussland, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate wollen auch davon profitieren und bauen derzeit ihre ersten KKW.

Die Freunde inzwischen historischer Aussagen finden sicher Gefallen an der Ausführung von Dr. Norbert Blüm, seinerzeit Bundesminister für Arbeit und Soziales, auf der Jahrestagung Kerntechnik 1989, dem er den Titel gab „Politik mit Vernunft und Güterabwägung betreiben“ [6]. Hier einige Auszüge:

„Exaltierte Gemütsbestimmungen sind Denkblockaden. Deshalb ist weder die Euphorie noch die Panik die Gemütslage für einen rationalen Diskurs über unsere Energiepolitik. Euphorie, weil sie zur Sorglosigkeit in Sicherheitsfragen verführt, auch zur Suche nach weitergehenden Energieformen. Die Hysterie, weil Panik ein schlechtes Fundament für die Entscheidung ist. Aber auch deshalb, weil das Kolossalgemälde, Gefahren, die bei anderen Energiegewinnungen auftreten, Umweltfragen verdrängt und so insgesamt eine nüchterne Wertung versagt.“

„Ich stelle unsere Gesellschaft nicht als problemlos und gefahrlos dar. Aber wenn sie tatsächlich nur noch von Katastrophen begleitet wird, wenn in jedem Lufthauch bereits der Tod enthalten wäre, wenn in jedem Schluck Wasser bereits das Gift wäre – dann frage ich mich, wieso alle Leute älter werden, wenn das so ist. Wir wollen Gefahren minimieren. Aber bei der Suche dürfen wir nicht der Illusion erliegen, es gäbe ein Licht ohne Schatten, es gäbe eine Welt ohne jedes Risiko. Aber über der Beschreibung der Risiken dürfen wir die Chancen nicht vergessen.“

„Wir müssen sorgsamer umgehen mit der Energie. Wir müssen den ärmeren Staaten die leichter verfügbaren Energiearten überlassen. Wir müssen alles tun, um alternative Energie auch zu nutzen und zu entwickeln. Dazu zählt auch die Kernenergie. Für sie sprechen auch ökologische Gründe…..Ausstieg aus der Kernenergie heißt zwingend,Verstärkung des CO2-Problems und Beschleunigung der dadurch verursachten Schäden.“

„Eine Gesellschaft, die sich in eine permanente Angstpsychose flüchtet, narkotisiert ihre Fähigkeit zur Zukunftsgestaltung. Ich sehe derzeit keine Möglichkeit, uns einseitig aus der Kernenergie zu verabschieden. Sparsame Energieverwendung, Ressourcenschonung, Risikominderung und die Erschließung regenerativer Energiequellen – das ist das Viereck unserer Energiepolitik.“

„Ich bin zu Ihnen gekommen auch aus Demonstrationsgründen. Nicht, weil ich die Kernenergie vergöttlichen möchte….Aber ich wehre mich auch gegen ihre Verteufelung. Und ich weiß, dass unser Konzept einer Energieversorgung am besten aufgehoben ist in einem Mischsystem, das aus verschiedenen Trägern besteht, für die allerdings die Kernenergie unverzichtbar ist. Und so lange niemand etwas Besseres weiß, halte ich es für verantwortungslos, vom Aussteigen zu sprechen und weiterhin den hohen Lebensstandard genießen zu wollen, den unsere Industriegesellschaft zur Verfügung stellt.“

Ist den aktuellen politischen Akteuren das Wissen um die Zusammenhänge verloren gegangen? Prägen parteipolitische Strategien ihre Entscheidungen? Wo bleibt ihre Verantwortung, die Blüm anmahnt? Sie setzen auf nicht grundlastfähige Energiequellen, lassen nahezu CO2-freieStromversorger auslaufen, sie fördern in planwirtschaftlicher Manier auf Kosten der Stromkunden den Ökostrom, ohne dass die Stromverteilung gegeben ist und ohne geeignete Stromspeicher.

Ein erheblicher Vorwurf ist auch den Stromversorgern der Hochspannungsleitungen zu machen, ihren Sachverstand nicht ausdrücklich genug in die öffentlichen Diskussionen eingebracht zu haben, sondern vielmehr dem Mainstream folgten mit der Folge ihrer eigenen Existenzgefährdung.

 

[1]  Deutscher Bundestag Drucksache 17/5672 vom 27.04.2011, Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung (18. Ausschuss) gemäß § 56 der Geschäftsordnung

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Europäisches_Verbundsystem

[3] Nuklearforum Schweiz, Medienmittelung vom 22.05.2019

[4] World Nuclear News, 14.05.2019, „Polish academics urge end to Germany’s nuclear phaseout

[5] Jozef Sobolewski, „Viewpoint: There is no holy grail of energy“, Vortrag vor IAEA-Scientific Forum, World Nuclear News, 17.12.2018

[6] Atomwirtschaft Vol. 64 (2019), Heft 6/7, Seite 365/366 (erneuter Abdruck des Blüm-Vortrags)