Wieso leben wir noch?

Dr. Dixy Lee Ray (1914 – 1994) war eine in den USA hoch geschätzte Wissenschaftlerin. Vorsitzende der Atomenergie Kommission, Lehrstuhl für Zoologie an der Universität Washington, Leiterin des “Pacific Science Center” in Seattle, Trägerin des Friedenspreises der Vereinten Nationen und auch Gouverneur (als erste Frau) des Staates Washington. Zahlreiche Veröffentlichungen, unter anderem “Trashing the planet”, ein sehr lesenswertes Buch. Ich traf sie (dereinst) anlässlich eines Interviews zu diesem Buch auf Fox Island (Washington). Zwei Bemerkungen von ihr fand ich nachdenkenswert: “Wir haben unterschiedliche Computer-Modelle ausprobiert. Je nachdem, welche Zahlen wir eingaben, mussten wir entweder erfrieren oder verbrennen.” Und: “Wir haben das Ozon-Loch, den Treibhauseffekt, die Klimakatastrophe, wir hatten die DDT-, Dioxid-, PCB- und Asbestkatastrophe. Wieso leben wir noch?”

USA bringen Gesetze zur Förderung der Kernenergie auf den Weg

Was interessieren uns in Deutschland US-Gesetze zur Förderung der Kernenergie, könnte sich der Leser fragen, zumal doch die Kernenergie in Deutschland ein auslaufendes Modell ist. Genau deshalb, weil sich Deutschland mit dieser Entscheidung international ins Abseits manövriert. Staaten, die die CO2-Emissionen vermindern wollen, haben erkannt, dass dieses Ziel nur bei verstärkter Nutzung von Kernkraftwerken möglich ist, um eine sichere Stromversorgung aufrecht zu erhalten. Selbst in den Vereinigten Staaten, wo die Wettbewerbssituation für die Kernenergie infolge preisgünstiger Förderung von Gas und Öl (Fracking) schwierig geworden ist, werden politische Schritte unternommen, so genannte fortgeschrittene Kernkraftwerke zu entwickeln, beziehungsweise, die bereits begonnene Entwicklung weiter zu unterstützen.

Wie “World Nuclear News” am 19. September berichtete, wurde am 13. September 2018 der Nuclear Energy Innovation Capabilities Act (NEICA) vom US-Parlament verabschiedet. Die im März vom Senat verabschiedete Gesetzesvorlage soll das Department of Energy (DOE) veranlassen, Partnerschaften mit privaten Innovatoren zu priorisieren, um fortschrittliche Reaktorkonzepte zu testen und zu demonstrieren. Das Gesetz ermächtigt die Schaffung eines nationalen Reaktor-Innovationszentrums, das die technische Expertise der nationalen Laboratorien der USA und des DOE zusammenbringt, um den Bau von Versuchsreaktoren zu ermöglichen. Eingebunden ist die Nuclear Regulatory Commission (NRC), die ihr Fachwissen zu Sicherheitsthemen einbringen soll und gleichzeitig etwas über die neuen Technologien lernen kann, heißt es im Bericht. Die Gesetzgebung weist das DOE auch an, eine reaktorbasierte schnelle Neutronenquelle für das Testen fortschrittlicher Reaktorbrennstoffe und -materialien zu entwickeln und ein Programm zur Verbesserung der Fähigkeit zur Entwicklung neuer Reaktortechnologien durch leistungsfähige Computermodellierungs- und -simulationstechniken durchzuführen.

Eine weitere gesetzliche Initiative zur Kernenergieförderung ist der Internetseite des US Nuclear Energy Institute (NEI) zu entnehmen. Eine parteiübergreifende Gruppe von US-Senatoren hat den Nuclear Energy Leadership Act (NELA) eingebracht, ein Gesetz, das Amerika helfen soll, seinen Vorsprung in der Kernenergietechnologie angesichts des zunehmenden globalen Wettbewerbs zurückzugewinnen. Die Gesetzgebung enthält einen umfassenden Vorschlag zur Finanzierung von Forschung, Entwicklung und beschleunigter Einführung fortgeschrittener Kernenergietechnologien.

Das Gesetz (S 3422) soll eine langfristige Zusammenarbeit zwischen der US-Regierung und der Nuklearindustrie in Gang setzen, um Amerikas globale Führung in der kommerziellen Nukleartechnologie wieder zurückzugewinnen. Neben anderen Zielen würde die Gesetzgebung ein Pilotprogramm schaffen, um langfristige Stromabnahmevereinbarungen zwischen der US-Regierung und einem Versorgungsunternehmen zu treffen, die eine hohe Versorgungssicherheit durch frühzeitigen Einsatz von Nukleartechnologien garantieren. Entscheidend ist, dass die Gesetzgebung die maximale Laufzeit von Stromabnahmeverträgen von 10 auf 40 Jahre verlängert und diese Verträge jährlich bewertet werden können. Dies ist wichtig, weil die größeren Anfangsinvestitionen in Kernreaktoren im Allgemeinen bedeuten, dass sie mehr als 10 Jahre benötigen, bevor sie in die Gewinnzone kommen.

Die Gesetzgebung (Schwerpunkte)

–       weist das Energieministerium an, einen Forschungsreaktor für schnelle Neutronen zu bauen, um hochmoderne Reaktorbrennstoffe und -materialien zu testen. Gegenwärtig sind die einzigen Anlagen, um diese Materialien testen können, in Russland und China.

–       verlangt eine Eigenversorgung mit dem speziellen Kernbrennstoff HALEU.  Dieser Begriff steht für „High Assay Low-Enriched Uranium“, das sind Brennelemente mit einer Urananreicherung zwischen 5 % und 20 % U-235. Fortgeschrittene Reaktoren werden mit HALEU betrieben, aber derzeit gibt es keine kommerziellen Möglichkeiten der Herstellung des Kernbrennstoffes.

–       richtet ein Programm für nukleare Leadership an der Universität ein, um die nächste Generation von hoch qualifizierten Fachpersonal für die neuen fortgeschrittenen Reaktoren auszubilden.

 

Die neue Shale-Erdöl-Technik, die die OPEC das Fürchten lehrt

Die amerikanischen, vor allem in Texas angesiedelten  Firmen, die schon immer die führende Position in der Technologie der Gas- und Erdölgewinnung einnahmen und den technischen Standard für sämtliche Länder bestimmten, die diese Energieträger fördern wollten, haben auch in den innovativen Gewinnungsmethoden, die als Shalegas- bzw. Shaleöl-Förderung  bekannt wurden, eindrucksvolle Erfolge erzielt.
Hierzulande, wo auch die Chance bestand, in Norddeutschland mit dieser Technik Erdgas zu fördern, wurde diese Möglichkeit politisch mit der in Deutschland gerne bevorzugt angewendeten Angstpropaganda verhindert– in diesem Falle wegen des dafür benutzten „Fracking“-Verfahrens, das von Umweltschützern , Medien und Politikern zu einem Synonym für gefährliche Technik gemacht wurde. In Nordamerika  dagegen nutzte man konsequent und bei allen geeigneten Standorten diese neue Technik – mit dem Ergebnis, dass die USA inzwischen eine enorme Erdgasproduktion erreicht haben und sogar damit beginnen, es mit Flüssiggastankern zu exportieren. Ebenfalls haben die dortigen Technologieunternehmen diese neuen Erdgas-Förderungsmethoden auf Erdöl angewendet und auch damit treten sie jetzt auf dem Weltmarkt als ernsthafte Konkurrenz der bisherigen, in der Organisation Erdöl-exportierender Länder (OPEC) zusammenarbeitenden Lieferländer auf.

Ein positiver Nebeneffekt dieser erstaunlich wirtschaftlichen Shalegas-Gewinnung ist die Umstellung vieler großer Energieverbraucher – Kohlekraftwerke, Fernverkehr, Heizungen – auf das inzwischen konkurrenzlos günstige Erdgas, was im Übrigen den Anstieg der Emissionen gestoppt hat.

Der Zeitungsartikel von Spencer Jakob im Wall Street Journal (s.u. bei „Quelle“) schildert den Kampf der OPEC gegen diese Bedrohung ihres bisherigen Monopols – und dessen Ausgang.

Aus diesem Artikel:
„Vor zwei Jahren sah es aus, als ob Saudi-Arabien seinen Kampf gegen die U.S.-Shale-Industrie gewinnen würde, indem es mit größter Anstrengung besonders große Mengen an Rohöl förderte und es auf den Markt warf, um die Preise zu drücken. Einigen Firmen in Amerika ging es dadurch tatsächlich sehr schlecht; Fördergebiete in West-Texas und Nord-Dakota mussten aufgegeben werden. Insolvenzen drohten.

Aber dieser Angriff der Saudis ging nach hinten los. Anstatt die Shale-Technik zu erledigen, erzeugte dieser Angriff eine Welle von technischen Innovationen und verwandelte die Ölbohrtechnik in den U.S.A. in einen hocheffizienten industriellen Prozess, mit dem dramatische Kostensenkungen bei erhöhten Fördermengen erreicht wurden.
Mittlerweile geschieht Bemerkenswertes: Die U.S.A., über die man einst annahm, dass der Gipfel ihrer Erdölproduktion vor ca. 50 Jahren überschritten worden sei, werden im kommenden Jahr der größte Erdölproduzent auf diesem Planeten sein.

Was die Energieminister in Riad, Teheran und Moskau wirklich erschrecken sollte, ist die Art und Weise, wie jetzt das Öl gewonnen wird: Die Anzahl der Bohrtürme im Permian Bassin, das sich von West-Texas bis New Mexiko erstreckt, ist immer noch die gleiche wie im Oktober 2011. Aber diese Region erzeugt heute drei Mal soviel Rohöl wie damals…“

 

Quelle:
Spencer Jakob: „The New Shale Tech That Terrifies OPEC”, The Wall Street Journal, 1. Juni 2018;
https://www.wsj.com/article/the-new.tech-that-terrifies-opec..